Kein Wind oder Gegenwind – das ist hier die Frage!

04.07.2018

Normalerweise wären wir in La Coruna bei dem vorhergesagten Wind bzw keinem Wind nicht losgefahren. Wir hätten abgewartet bis zumindest genügend Wind in Sicht gewesen wäre um einen möglichst großen Teil der vor uns liegenden Strecken segeln zu können. Aber ganz normal sind die Umstände gerade eben nicht und so mussten wir los obwohl uns auf der Biskaya eine ausgedehnte Flaute bevorstand, denn wir müssen langsam zusehen, dass wir Richtung Heimat kommen. Wie abzusehen war lief auf fast der gesamten Strecke seit La Coruna unser alter Motor und nur ganz gelegentlich mal bekamen wir ein bisschen Wind und konnten segeln. Die Biskaya präsentierte sich uns ansonsten spiegelglatt und manchmal kräuselte sich über Stunden nicht mal die Wasseroberfläche. So ist es zwar seegangstechnisch angenehm ruhig, aber wir sind Segler und keine Motorbootfahrer und das ewige Dröhnen und Rumpeln geht einem irgendwann gehörig auf den Geist.

Wir versuchten uns trotz allem möglichst gut die Zeit zu vertreiben und so schaffte es Christian, der auf der gesamten Reise bisher nur ein einziges dünnes Büchlein gelesen hatte, doch tatsächlich Tolstoi’s Krieg und Frieden fast in einem Rutsch durchzulesen! Beeindruckend, denn an dem langweiligen Wälzer bin selbst ich Leseratte vor Jahren schon gescheitert…

Ein Vorteil der still ruhenden See ist es, dass man ewig weit sehen kann und so bekamen wir jede Menge Delphine und Wale zu sehen. Schon auf dem Hinweg vor knapp einem Jahr war uns aufgefallen, dass es in der Biskaya eine ganze Menge Delphine gibt, aber diesmal schienen es sogar noch mehr zu sein. In der Ferne sahen wir immer mal wieder den Blas größerer Wale wie eine Fontäne aus dem Wasser schießen, gelegentlich tauchten die träge dahingleitenden Grindwale irgendwo auf und immer wieder kamen wunderschöne Delphine mit einer weiß-grauen Zeichnung und freundlichen Gesichtern, die uns begleiteten.

Kurz vor Brest wurden wir dann aus unserer Trägheit gerissen und mussten improvisieren. Es gab draußen einen kurzes „Dong“ und wir sahen, dass der Zahnriemen unseres treuen Autopiloten gerissen war. Verdammt! Wir hatten schon befürchtet, dass das irgendwann passieren könnte, aber auch noch keinen Ersatzzahnriemen gefunden, denn wir vorsorglich hätten an Bord legen können. Unser Autopilot ist eine kleine Diva. Das Ding ist schon ein paar Tage älter und wurde irgendwann mal von einem der Voreigner der Krassy eingebaut. Kurz vor Start unserer Reise hat er dann allerdings den Geist aufgegeben und nur dank des unermüdlichen Einsatzes von Christians Kollegen Hajo (Danke nochmal!) erstand der Autopilot wieder zum Leben. Auf dem Hinweg zickte er allerdings trotzdem immer wieder rum und als wir uns damals in Brest auf unsere erste große Seeetappe über die Biskaya vorbereiteten überlegten wir ernsthaft einen neuen Autopilot zu kaufen. Der ist einfach zu wichtig! Das hatte er wohl gehört, denn seit dem haben wir nicht ein einziges Mal auf der ganzen Reise Probleme mit dem Autopiloten gehabt, und er war wahrlich viel im Einsatz!

Den kaputten Zahnriemen mussten wir reparieren oder eine Alternativlösung herzaubern. Mit Takelgarn nähte ich also die beiden Enden vorsichtig wieder zusammen, umwickelte alles fest mit dem stabilen Faden und dann kam noch eine Schicht Kautschukband drum und siehe da, es funktioniert! Zusätzlich häkelte ich noch aus einer dünnen Leine ein grobes Bändchen, das Christian zusätzlich ebenfalls mit Kautschukband umwickelte und auch das können wir im Notfall als Ersatz-Zahnriemen einsetzen.

Als wir auf der Höhe von Brest ankamen entschieden wir noch mal einen Tag dranzuhängen und anstatt nach Brest reinzufahren umrundeten wir das Kap und steuerten die Kanalinsel Guernsey an. Wir haben beide wenig Lust auf Frankreich und auf Guernsey könnten wir nicht nur günstig tanken, sondern haben auch einen besseren Absprunghafen zu verschiedenen Orten im englischen Kanal. Die Nachtfahrten sind allerdings echt anstrengend geworden, denn wir sind jetzt wieder in der Zivilisation und müssen zumindest alle 20 Minuten einen Rundumblick machen und unser AIS gut im Auge behalten um keine Fischer oder anderen Boote über den Haufen zu fahren. So ist ans Powernapping während der Wachen nicht zu denken und auch die arktischen Temperaturen machen die Nächte nicht gerade gemütlicher…

Ab jetzt heißt es wieder Gezeitensegeln, denn schon auf dem Weg um Brest herum erwischte uns eine fiese Gegenströmung, die fast 3 Knoten erreichte und uns ein paar Stunden ordentlich ausbremste. Das Gute ist aber, dass auf die Gezeiten Verlass ist und die Strömung irgendwann kippt und einen wie zur Entschädigung ordentlich voranschiebt.

Jetzt sind wir in St. Peter-Port auf Guernsey, wo wir vor knapp einem Jahr schon einmal gelegen haben. Diesmal wird es aber nur ein kurzer Aufenthalt, denn morgen geht es für uns schon wieder weiter. Unglaublicherweise hält sich im englischen Kanal noch immer der verdammte Ostwind und auch wenn der Deutschland aktuell schönes Wetter beschert wünschen wir uns gerade nichts sehnlicher als eine Winddrehung. Zu Beginn der Reise haben wir übrigens tatsächlich noch Witze gemacht, dass wir wahrscheinlich auf dem Rückweg eine hartnäckige Ostwindlage in Europa bekommen, allein schon, weil das so wahnsinnig unwahrscheinlich ist. Naja, und jetzt müssen wir uns tatsächlich gegen den Wind den Kanal hinaufquälen. Für die nächsten beiden Tage ist aber noch mal Flaute vorhergesagt und auch wenn uns das gewaltig stinkt werden wir diese nutzen und so weit es geht in Richtung Holland motoren. Der Motor hat dafür gerade noch mal einen Ölwechsel und ein paar Streicheleinheiten bekommen, aber bisher schlägt er sich tapfer. Tatsächlich sind wir in den letzten 3 Wochen mehr unter Motor gefahren als auf unserer gesamten bisherigen Reise… Ganz so hatten wir uns den Rückweg nicht vorgestellt – oder vielleicht will uns das Universum auch einfach nur sagen wir sollen wieder umkehren und wieder in die Karibik fahren?!

-Steffi

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2 Gedanken zu „Kein Wind oder Gegenwind – das ist hier die Frage!“

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