Nichts zu verzollen

06.07.2018

Nach einem arbeitsreichen Nachmittag in St. Peter-Port auf Guernsey gingen wir abends noch in einem netten kleinen Lokal direkt am Hafen was essen und fielen dann müde in unsere Koje. Am nächsten Morgen sollte ja schon früh der Wecker klingeln denn die Gezeiten kennen keine Gnade. Wie geplant ging es dann nach einer unerwartet schlaflosen Nacht morgens um 8 Uhr los. Wir waren auch bei weitem nicht die einzigen, die um diese Uhrzeit den Hafen verließen. Erstaunlich eigentlich, denn es war ja absolut kein Wind vorhergesagt, aber sicher müssen nicht nur wir hier einen Zeitplan einhalten. Zudem ist ein Tag ohne Wind eine ganz gute Gelegenheit durch das tückische Alderney Race, den Kanal zwischen Alderney und dem französischen Festland zu kommen, denn hier ist die Strömung besonders stark und wenn man Pech hat und hier Wind und Welle stehen, dann wird es eine wilde Fahrt.

Uns präsentierte sich das Alderney Race aber äußerst zahm und belohnte unser frühes Aufstehen mit fast 5 Knoten Strömung, die uns in Richtung Cherbourg katapultierten, brachte uns aber gleichzeitig eine dichte Nebelbank, die sich fast den ganzen Tag hielt obwohl keine Wolke zu sehen war und die Sonne ordentlich vom Himmel bretterte. Mit über 10 Knoten über Grund auf der Uhr rasten wir durch die stille See und wurden doch tatsächlich dabei von einer ganzen Armada an Segelbooten überholt, die kurz nach uns ebenfalls den Hafen von Guernsey verlassen hatten. Cherbourg lag schnell hinter uns und wie das eben immer so ist setzte unweigerlich auch irgendwann die Gegenströmung ein. Fährt man allerdings den Kanal hinauf folgt man quasi der Flutwelle und so ist die Gegenströmung nicht mehr allzu stark, zudem waren wir mittlerweile an einer der breitesten Stellen im Kanal und wurden deshalb nicht so stark ausgebremst wie befürchtet. Als dann sogar noch ein bisschen Wind einsetzte turnten wir beide schnell aufs Vorschiff, setzten unseren Genuabaum und das zweite Vorstag und ruck-zuck war unser altbewährtes 3er-Setup gehisst mit dem wir erstaunlich flott unterwegs waren.

Lange hielt der Spaß allerdings nicht an und als der Wind langsam schlafen ging und wir gegen den Strom nur noch mit knapp 2 Knoten dahindümpelten warfen wir den alten Motor wieder an und holten die Vorsegel für die Nacht ein.

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Still ruht die See

Da wir in den letzten Nächten auf See nicht allzu gut geschlafen hatten und es gar nicht so einfach ist sich um 21 Uhr, wenn es noch taghell draußen ist, in die Koje zu legen und auf Kommando einzuschlummern, verschoben wir unseren Wachwechsel um 2 Stunden nach hinten. So starteten wir heute entsprechend etwas später in den Tag und gerade als Christian zerzaust aus dem Bett gekrochen kam schälte sich aus dem Dunst ein großes graues Schiff, das schnell näher kam. Ein Blick aufs AIS verriet, dass das Gefährt inkognito unterwegs war, also vermuteten wir Militär oder Zoll. Wir bauten trotzdem unseren Frühstückstisch auf, denn es sah aus als führe der graue Kasten an uns vorbei. Als dann aber unsere Funke trötete war klar: die wollen zu uns! Und wir hatten richtig gelegen, es handelte sich um den französischen Zoll. Die Frage, ob man an Bord kommen dürfe verstanden wir als rhetorisch und kurze Zeit später kam ein oranges Beiboot mit 4 Herren in voller Fahrt längsseits an die Krassy während der graue Riese gemächlich neben uns herfuhr. Drei der Beamten kamen an Bord, der vierte vertrieb sich die Zeit damit mit dem Schlauchboot um die Krassy herum zu heizen und hatte sichtlich Spaß dabei.

Wir wurden freundlich begrüßt und schon ging es los mit der Befragung. Während zwei der Beamten unsere Daten notierten und Christian Fragen stellten folgte ich dem dritten nach unten in die Kabine, wo er ohne Umschweife damit begann das Bett zu zerwühlen, die Schränke zu öffnen und unter die Bodenbretter zu schauen. Wir haben nichts zu verbergen, denn wir beide sind wahrscheinlich viel zu große Angsthasen um irgendetwas illegales zu schmuggeln oder zu tun, aber es ist schon ein wenig befremdlich, wenn dort ein völlig Fremder mit einer Waffe am Gürtel so ungeniert in den privatesten Sachen herumwühlt… Es lief aber alles sehr freundlich ab und nachdem er noch einen Blick auf unsere Sicherheitsausrüstung, in die ordentlich geführten Logbücher und Seekarten, auf unser AIS-System und die Tasche mit den selbst gemachten Flaggen geworfen hatte schloss der Beamte die Durchsuchung mit einem Lob für die Krassy ab. Es gab nichts zu beanstanden! Unterdessen hatte Christian auch noch ganz nett mit den anderen beiden Herren geplaudert, die angenehm interessiert an unserer Reise waren und zum Abschluss durfte jeder von uns noch auf dem Protokoll unterschreiben. Dann gab es einen Durchschlag selbigen Protokolls für uns und einen Händedruck für die Herren vom Zoll und nach einer knappen Stunden bestiegen die Beamten wieder ihr Schlauchboot und brausten zurück zu dem immer noch geduldig wartenden Mutterschiff und wir konnten endlich frühstücken. Ein Abschiedfoto ließen wir uns aber nicht nehmen.

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Die Krassy mit Geleitschutz
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Die Jungs vom Zoll verlassen uns wieder (gut gelaunt)

Vor uns liegen nun noch ein paar weitere Meilen entlang des vielbefahrenen Verkehrstrennungsgebiets im Dover Strait bevor wir, je nachdem wie schnell wir weiterhin voran kommen Calais oder Dünkirchen später am Abend erreichen. Unser AIS ist auf dieser verkehrsreichen Route ein wahrer Segen, vor allem bei Nacht und Nebel.  Das ein oder andere Mal kam mir schon der Gedanke, dass ein aktiver AIS-Sender eigentlich Pflicht für alle Schiffe sein sollte! Man kann jederzeit genau erkennen ob einem ein anderes Schiff zu nahe kommt und ob man ausweichen muss oder nicht. Leider schält sich aber gelegentlich auch der eine oder andere Segler oder lokale Fischer ohne AIS aus dem Dunst, also bleibt einem der regelmäßige Rundumblick nicht erspart. Bis kurz vor der Reise haben übrigens auch wir nur AIS-Signale empfangen und nicht aktiv gesendet, Christians Eltern wollten aber gerne unsere Reise verfolgen und schenkten uns einen aktiven Sender, den Christian zunächst etwas grummeld einbaute, denn der Umbau war ein bisschen aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Der Knopf mit dem wir das Signal jederzeit ausschalten können, den Christian vorsichtshalber gleich mit installierte, ist bisher ungenutzt geblieben. Manchmal ist es etwas merkwürdig, wenn in der Heimat schon alle Bescheid wissen wo wir genau im Hafen liegen bevor wir richtig festgemacht haben, aber wir werden unterwegs von der Berufsschifffahrt als Segler erkannt und bisher gab es nur sehr sehr wenige Situationen in denen wir ein anderes Schiff anfunken oder selbst ausweichen mussten. Das macht die Fahrerei in verkehrsreichen Gebieten vor allem bei Nacht deutlich entspannter!

In den letzten paar Tagen haben wir eine Strecke zurückgelegt für die wir uns im vergangenen Jahr mehrere Wochen Zeit genommen haben. Leider sind wir diesmal fast die ganze Strecke von La Coruna bis Dünkirchen motort, aber wenn es irgendwie geht werden wir versuchen den restlichen Weg soweit wie möglich zu segeln, denn ab jetzt können wir es uns auch wieder erlauben in Tagesetappen gegen den Wind anzukreuzen.

Dass wir wieder in Landnähe sind merken wir im Moment hauptsächlich an einer Sache, und die nervt: Fliegen! Die Windstille, die warme Luft und die nächtliche Feuchtigkeit haben uns eine kleine Invasion verschiedenster Fliegenarten auf die Krassy geschickt. Das Schlimme daran ist aber eigentlich, dass die Mistviecher keinerlei Überlebensinstikt zu haben scheinen. Es kommt nicht selten vor, dass man sich irgendwo abstützen will und dabei eine der Fliegen mit der Hand zerquetscht. Beim Frühstück ist doch tatsächlich sogar eine auf Christians Brot verendet, als er sie versehentlich mit Butter bestrichen hat… Ganz schön ekelig!

Und eine alte Bekannte haben wir unterwegs noch getroffen. Kurz vor Brest kam uns ein riesiges rotes Segel am Horizont entgegen und noch bevor unser AIS es bestätigen konnte hatten wir sie erkannt: die Mapfre, das spanische Gewinnerboot des diesjährigen Volvo Ocean Race. Offenbar war sie auf dem Weg zurück in die Heimat in den spanischen Rias wo wir sie vergangenes Jahr beim Training beobachten konnten. Dongfeng, das andere Boot, das damals ebenfalls dort trainierte hat übrigens im Rennen den zweiten Platz belegt. Ganz schön cool, so ein Schiff dann nach dem Race wiederzusehen, auch wenn das diesjährige Volvo Ocean Race mit 2 Todesfällen nicht unbedingt glücklich ausgegangen ist…

-Steffi

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