Final Destination: Cuxhaven

30.07.2018

Ich will mal versuchen, hier an den Beitrag von Steffi anzuknüpfen, der ja etwas verspätet hochgeladen wurde. Der Rest unserer Überfahrt von Ijmuiden nach Cuxhaven war dann auch noch recht spannend. Nachdem wir eine kleine gefühlte Ewigkeit ohne Wind durch eine große Reede getrieben sind, kam ganz allmählich wieder etwas Wind auf, mit dem wir unseren Kurs wieder anliegen konnten. Das Timing war gut, aber im Prinzip pures Glück. Der Gezeitenstrom schob anständig Richtung Cuxhaven, und zumindest kurzzeitig kamen wir mit 7-8 Knoten über Grund gut  voran. Allerdings war das eine knappe Kiste. Bis zum Kentern des Stroms waren es nur ein paar Stunden, und sobald wir zu langsam werden würden, bestand die Gefahr, dass der Strom kippt und uns rückwärts wieder auf See heraus treibt – und das in einem der meistbefahrenen Gewässer der Welt. Eine Horror-Vorstellung. Gut, die nächste Flutwelle kommt bestimmt, aber wir hatten schon zwei wirklich harte Nächte hinter uns und wir wollten wirklich nur ankommen.

Und es kam wie es kommen musste. Der Wind wurde immer schwächer und wir immer langsamer. Nun war die Gefahr real, kurz vor Cuxhaven zu verhungern. Unsere Außenborder-Konstruktion funktioniert nur bei wirklich ruhiger See. Sie war also überhaupt nicht zu gebrauchen, weil die Schraube ständig Luft zieht. Für solche Anwendungsfälle gibt es spezielle Langschaft-Außenbordmotoren, bei denen die Schraube ein gutes Stück tiefer im Wasser ist. Also musste der Diesel wieder ran. Eine knappe Quälende Stunde musste er mit wenigen Umdrehungen mitschieben, damit wir einen Knick im Fahrwasser erreichen konnten, ab dem wir einen besseren Winkel zum Segeln haben würden. Er hat es auch überstanden, allerdings mussten wir wieder Öl im Kühlwasser feststellen. Meine Nerven haben wahrscheinlich irreparablen Schaden davongetragen und ich bin in dieser Stunde um Jahre gealtert. Auf dem besserem Kurs ließ es sich dann auch wirklich bis fast vor die Hafeneinfahrt segeln und wir kamen genau zu dem Zeitpunkt an, an dem die Strömung kippte. Um halb drei Nachts erreichten wir den Yachthafen von Cuxhaven und waren heilfroh, diese wohl nervenaufreibendste Etappe dieser Reise endlich hinter uns zu haben.

Gleichzeitig machte sich Kater-Stimmung breit. Es reifte nämlich die Erkenntnis, dass die Reise hier enden wird, und nicht in Hamburg oder zumindest in Wedel, wie wir uns das so sehr gewünscht haben. Wir sind bereits am Donnerstag in Ijmuiden gestartet, wohl wissend, dass wir einen halben Tag den Wind voll von vorne haben würden. So wären wir aber zum Einsetzen des Westwindes, der Samstag und Sonntag Bestand haben sollte, bereits so weit gekommen, dass wir gute Chancen sahen, direkt bis Wedel weiterfahren zu können. Letztendlich hatten wir den Wind mehr als 24 Stunden genau von vorne, und der Westwind war viel schwächer als vorhergesagt. Mit dem letzten Windhauch konnten wir uns nach Cuxhaven retten und eine Windreserve für die letzte Etappe war einfach nicht da und ist auch nicht in Sicht.

Wir haben uns ein Bein ausgerissen, um hierher zu kommen. Immerhin haben wir die Elbe erreicht. Darauf können wir in Anbetracht der widrigen Umstände vielleicht auch ein bisschen stolz sein. Aber die triumphale Ankunft in Hamburg fällt jetzt aus. Und wir haben etwas Elementares gelernt. Wir haben immer wieder gerne gesagt, wir seien Segler und keine Motorbootfahrer. Immer haben wir versucht, unser Ziel segelnd zu erreichen und den Motor nur so wenig benutzt wie nur irgend möglich. Jetzt, wo wir wirklich quasi ohne Motor unterwegs gewesen sind, wissen wir: Ein Segelboot ist auch nur ein Motorboot mit Hilfs-Besegelung.

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Krassy’s neues Zuhause

Nun steht uns ein kleiner Arbeits-Marathon bevor. Wir müssen das Boot ausräumen und alles, was wir jetzt nicht mehr an Bord brauchen, sowie Kleidung, Lebensmittel, Souvenirs, persönliche Dinge usw. (also ein ganzes Zuhause) zusammenpacken und irgendwie nach Hamburg bringen. Die Krassy muss  sauber gemacht und so klariert werden, dass wir sie ein paar Wochen allein lassen können. Wir müssen unsere Wohnung übernehmen und wieder in den Alltag starten. Das Inventar unserer Wohnung steht in Kisten verpackt auf dem Dachboden, dazu kommt jetzt der ganze Plunder von der Krassy. Es wird uns wohl noch ein paar Wochen kosten, bis das Chaos geordnet ist und wir wieder eine gemütliche Wohnung haben.

Und dann ist da noch das Problem mit dem Motor. Wir müssen überlegen, was wir mit der Krassy machen. Wir könnten sie, wenn das Wetter sich irgendwann mal wieder normalisiert hat, nach Wedel holen und die Baustelle dort angehen. Wir könnten versuchen, etwas hier in Cuxhaven zu organisieren. Dann müssten wir allerdings in einen anderen Hafen verholen, wo die Krassy zur Not auch aus dem Wasser gekrant werden kann und ins Winterlager gehen kann. Und es gibt noch tausend andere Alternativen. Es wird also nicht langweilig.

Auch wenn die Reise jetzt vorbei ist, werden wir diesen Blog vorerst weiter pflegen. Es gibt noch viel zu erzählen. Demnächst gibt es noch einen Rückblick auf das letzte Jahr und eine kleine Zusammenfassung unserer Reise in Zahlen und Fakten, wir werden über die Fortschritte unserer Motorreparatur berichten, und vielleicht auch über unseren Wiedereinstieg in den Alltag.

Hinter uns liegt das wohl beste Jahr unserer beider Leben. Wir hatten eine großartige Zeit, haben das Segeln und die Einsamkeit auf den Ozeanen genossen, sind mit Schildkröten geschwommen und haben Rochen fliegen sehen, wurden von Barrakudas verfolgt und haben Schweine gefüttert, haben unzählige Male Delphine, Wale und Robben beobachtet, sind mit abenteuerlichen Bussen über exotische Inseln gejuckelt, haben Urwälder durchquert, Berge bestiegen und Vulkankrater erforscht, haben wunderschöne Orte besucht, tolle Menschen getroffen und Freundschaften geschlossen, haben die Unbeschwertheit des Lebens als „Cruiser“ genossen. Wir haben aber auch geflucht, gelitten, uns gequält, uns die Frage gestellt: „Warum tun wir uns das an?“, haben innerlich schon das „zu Verschenken“-Schild, das wir an die Krassy hängen würden, gestaltet. Zu so einer Reise gehören nun einmal beide Seiten der Medaille. Es gehört eben auch dazu, dass mal etwas schief- oder kaputt geht, oder dass eine Überfahrt zur Quälerei werden kann. Aber die guten Momente überwiegen bei weitem. Wir sind wohlbehalten zurück, waren nicht einen Tag krank oder schwerer verletzt und das allerwichtigste: Wir haben uns nach all der Nähe auf so begrenztem Raum immer noch lieb. Dieses Jahr auf der Krassy würden wir gegen nichts eintauschen. Nach der Reise ist vor der Reise.

-Christian

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10 Gedanken zu „Final Destination: Cuxhaven“

  1. Herzlichen Glückwunsch zu eurer Rückkehr. Auch wenn es nicht Hamburg ist. Viele andere hätten schon lange aufgegeben und noch viel mehr wären schon gar nicht erst los gefahren. Tolle Leistung. Viele Grüße Willi

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  2. Willkommen zurück an der Elbe; meine Gratulation zu Eurer Leistung!
    Und die 40 NM Luftlinien-Entfernung Cuxhaven->Wedel ist – vor dem Hintergrund Eurer Gesamtfahrstrecke – nur wie ein Windhauch über einer Welle…
    Grüße Felix

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  3. Juhu, ihr Boat People! jetzt seid ihr nicht mehr diesselben. Was für ein tolles Jahr und was für ein toller Blog, habe jeden Eintrag genossen. Willkommen zurück in der „Zivilisation“ oder was davon noch übrig ist. Viel Neugier und Ausdauer beim Wiedereinstieg in den 9to5 wünschen euch Angela und Achim. Freuen uns schon auf ein Wiedersehen. Und tausendfachen Glückwunsch, was für eine Leistung!

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    1. Hey ihr beiden, cool, dass ihr so begeistert mitgelesen und mitgefiebert habt! Wir sind auch ein kleines bisschen stolz und natürlich super glücklich, dass wir diese tolle Reise machen konnten!
      Wir freuen uns auch schon auf ein hoffentlich baldiges Wiedersehen!
      Liebe Grüße aus Hamburg,
      Christian und Steffi

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  4. Ich gratuliere! Sniff, bald gibt keine Beiträge mehr für meine morgenlektüre auf vela dare…. ich werde unsere nächsten Zielen selber recherchieren müssen. Eure Beiträgen mit den viele tollen Tips werde ich vermissen.
    Magali

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    1. Hallo Magali, jetzt sind wir dran ganz gespannt weiterzulesen was bei euch so los ist und wie es weitergeht für die Vela Dare 😊 und wer weiß, vielleicht folgen wir euch dann irgendwann auf euren Pfaden…
      ganz viele liebe Grüße und dir und Willy noch eine tolle Zeit! Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt!
      Christian und Steffi

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  5. Mega cool, ihr habt es durchgezogen!!!

    Haben immer mal wieder im Blog gelesen und waren häufig sehr „neidisch“ auf eure Erlebnisse… Unglaublich toll, was ihr erlebt habt!
    Liebe Grüße von Hilke (und sicher auch dem Rest der Treib(t)gut-Crew)

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    1. Hallo ihr Lieben, vielen lieben Dank für die Nachricht! Wir können es immer noch nicht glauben wie toll das letzte Jahr war! Wir hatten eine großartige Zeit! 😊
      Wäre toll wenn wir es schaffen ein kleines Krassy-Treib(t)gut-Revival hinzubekommen!
      Liebe Grüße,
      Christian und Steffi

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  6. Willkommen zurück .
    Toll dass ihr euch noch bis nach Deutschland durchgekämpft habt. Ja wie die anderen schon schrieben habe auch ich das Blog morgens regelmäßig gelesen und mitgefiebert.
    Ihr könnt in der Tat stolz auf euch sein. Wer wagt gewinnt!
    Erfreulich dass ich noch ne Weile weiterschreibt. Der reverse culture shock ist sicherlich auch lesenswert 😉
    Kommt gut in der Normalität an und danke für die schönen Stories!
    Viele Grüße Thomas

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    1. Moin Thomas,

      vielen Dank, mittlerweile sind wir auch ganz happy, doch noch so weit gekommen zu sein. Freut uns, dass du so regelmäßig mitgelesen und mitgefiebert hast! Jetzt versuchen wir erstmal, wieder im Alltag Fuß zu fassen, und so viel vorab: es fühlt sich erschreckend vertraut an. Wir schnacken die Tage!

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