Die Windschutzscheibe – wer keine Probleme hat, der macht sich welche

Hallberg-Rassys sind tolle Boote. Eines der Markenzeichen der schwimmenden Schweden ist die feste Windschutzscheibe und die ist wirklich großartig. Man kann sich bei schlechtem Wetter dahinter verkriechen und hat trotzdem gute Sicht zu allen Seiten. Kommt man vom Vorschiff, bietet der stabile Rahmen eine Möglichkeit sich abzustützen und festzuhalten.

Blöd nur, wenn hier was kaputt geht…

Unsere große Angst war es, kurz vor Start aus irgendeinem Grund einen größeren Schaden am Boot zu haben. Und genau der ist jetzt eingetreten und das eigentlich völlig unnötig.

Einer der Sprayhoodknöpfe, die wir in schweißtreibender Arbeit angebracht hatten saß nicht ganz fest, also den einen Knopf noch mal runter nehmen, ein bisschen aufbohren und den Knopf wieder fest anbringen. So die Theorie. In der Praxis hat sich beim Aufbohren des Rahmens der Bohrer leicht verhakt und es hat geknackt…

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Schöne Sch… So sieht eine kaputte Scheibe aus

Natürlich hat es die seitliche Scheibe an Backbord getroffen, also die, die am schwierigsten zu ersetzen ist. Diese Scheibe ist nämlich leicht gebogen eingesetzt und nicht wie die vorderen Scheiben gerade.

Mehrere Telefonate und e-mails mit Vertretern von Hallberg-Rassy, dem Hersteller der Scheiben in Dänemark und örtlichen Glasern brachte folgende Ergebnisse:

  1. Die Windschutzscheiben werden nicht mehr hergestellt
  2. Wir haben zumindest eine Konstruktionszeichnung mit den genauen Maßen der Scheiben
  3. Das 1-Scheiben-Sicherheitsglas gebogen einzusetzen ist extrem schwierig bis unmöglich
  4. Es wünschen uns alle viel Glück…

Tja, also selber machen und zwar am besten aus Plexiglas. Bis zum Start der Reise sind es nur noch ca. 6-7 Wochen, also nicht mehr viel Zeit. Das gehärtete Sicherheitsglas muss extra angefertigt werden, dauert also ne Weile. Plexiglas ist eine gute und ebenso stabile Alternative, die sich wesentlich leichter einsetzen lässt und wir können es problemlos selbst zuschneiden.

So weit so gut (oder auch nicht). Allerdings müssten wir zuerst mal den Rahmen auf kriegen. Der besteht aus Aluprofilen, die an den Ecken vernietet sind. Die Nieten kann man aufbohren, das sollte nicht so schwierig sein. Allerdings sind die einzelnen Rahmenelemente an den Ecken mit einem Edelstahlwinkel verbunden, der mit je 2 Schrauben befestigt ist.

Wir müssen also 4 Schrauben lösen um den Winkel abnehmen und das obere Profil lösen zu können.

Diese Schrauben sind aber so fest verbacken, dass wir sie nicht heraus bekommen!!!

Blechschrauben aus Edelstahl, die ins Alu gewürgt wurden und dort 36 Jahre Zeit hatten um festzukorrodieren…

Laut Google-Recherche gibt es ein paar Möglichkeiten festsitzende Schrauben aus Alu zu lösen.

  1. WD40 und viel Geduld
  2. Ein Schlagschrauber bei dem mit einem Hammer ein kräftiger Schlag auf die Schraube erfolgt und diese gleichzeitig gedreht wird
  3. Erhitzen auf ca. 200°C um die Materialausdehnung zu nutzen
  4. Aufbohren

Methode 1 war wenig erfolgreich, auch wenn wir tatsächlich (untypischerweise) geduldig waren und fleißig WD40 nachsprühten. Methode 2 scheint mir sehr ungeeignet da wir nicht noch weitere Scheiben sprengen möchten. Methode 3 haben wir sehr vorsichtig versucht und mit dem Lötkolben die Schraube heiß werden lassen. Danach ist der Schraubkopf abgebrochen und für die erste Schraube ist nun auf jeden Fall Methode 4 unerlässlich…

Der entscheidende Tipp kam von meinem Kollegen: Titanbohrer für Methode 4. Die sind zwar teuer, aber man kann relativ gut die Stahlschrauben ausbohren und in unserem Fall sogar den Stahlwinkel als eine Art Führungsschiene nutzen um nicht mit dem Bohrer abzurutschen. Bei drei Schrauben konnten wir hierfür vorher die Köpfe abbrechen, bei der vierten musste ich durch den Kopf hindurchbohren.

Nachdem alle Schraubköpfe ab waren konnte ich den Stahlwinkel relativ leicht abnehmen. Unten drunter war natürlich alles wieder etwas angefressen, aber im Korrosion abbürsten bin ich mittlerweile Meister.

An der unteren Ecke des Rahmens waren die beiden Profile über den spitzen Winkel vernietet. Hier habe ich also auch noch die Niete ausgebohrt und gehofft, dass man den Rahmen danach einfach abheben kann.

Tja, der Rahmen war noch genauso bombenfest wie vorher!

Jetzt war ich mit meinem Latein am Ende und obwohl ich immer diejenige bin, die die Moral aufrecht erhält und irgendwo noch einen Funken Hoffnung sieht war ich dieses Mal wirklich verzweifelt. Wir müssten eine neue Scheibe von außen irgendwie draufwursten, Hauptsache es ist halbwegs stabil… Wäre aber ne Scheiß-Lösung.

Bisher hatten wir es noch nicht über uns gebracht die gesplitterte Scheibe aus dem Rahmen zu brechen weil noch kein Ersatz da war und wir noch keinen konkreten Plan hatten.

Hallberg-Rassy hat uns von der Scheibe eine Konstruktionszeichnung zugeschickt und nach langem Abwägen haben wir uns entschieden endgültig auf Echtglas zu verzichten und Plexi zu nehmen. Vor allem falls wir die Alternativlösung wählen und die Scheibe von außen an den Rahmen bauen müssten.

Eigentlich wollten wir einfach im Baumarkt eine Plexiglasplatte kaufen und selbst zuschneiden. Hier gab es aber weder die richtigen Längen noch die richtige Dicke. Google war also mal wieder unser Freund und wir fanden heraus, dass es verschiedene Arten von Plexiglas gibt, unter anderem ein besonders UV- und kratzbeständiges. Also haben wir kurzerhand einfach die Scheibe bei einem Hersteller für Plexiglas in den richtigen Maßen bestellt. Das war auch nicht viel teurer und ist in jedem Falle hochwertiger.

Als die neue Scheibe dann per Post ankam, blieb uns nicht mehr viel übrig als die alte herauszubrechen und dann zu hoffen, dass der blöde Rahmen doch noch irgendwie auf geht.

Rund um die Scheibe haben wir also alles sorgfältig mit Folie ausgelegt, uns mit Schutzhandschuhen bewaffnet und die kaputte Scheibe aus dem Rahmen gedrückt. So konnten wir verhindern, dass sich die winzigen Splitter im Holz verfangen.

Beim Ausbrechen der Scheibe kam dann – oh Wunder – ganz sauber und freiwillig auch die Gummidichtung aus dem Rahmen. Das war schon mal gut, einmal weil wir sie weiterverwenden konnten und außerdem weil wir jetzt sicher waren, dass Scheibe und Dichtung nicht geklebt waren. Unter der Dichtung sahen wir dann auch wo das Problem lag. Hier war der Rahmen in der oberen Ecke von innen vernietet. Wer hätte denn das erwarten können?!

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Wir haben den Rahmen aufbekommen!

Nieten ausbohren können wir mittlerweile und jetzt konnten wir auch das obere Profil vorsichtig hoch schieben (naja, ein paar gut dosierte Hammerschläge waren schon nötig). Die Dichtung haben wir gründlich gereinigt und auf die neue Scheibe gesteckt. Das Ganze ließ sich dann verhältnismäßig leicht in den Rahmen setzten und dank des Plexiglases auch gut biegen und wir konnten den Rahmen wieder schließen.

Zweimal hat es laut gescheppert. Das waren die großen Steine, die uns von den Herzen gefallen sind als endlich die neue Scheibe eingesetzt war!

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Die neue Windschutzscheibe – als wäre nx gewesen…

Am liebsten würden wir jetzt gleich losfahren bevor noch was anderes kaputt geht….

-Steffi

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