Nichts zu verzollen

06.07.2018

Nach einem arbeitsreichen Nachmittag in St. Peter-Port auf Guernsey gingen wir abends noch in einem netten kleinen Lokal direkt am Hafen was essen und fielen dann müde in unsere Koje. Am nächsten Morgen sollte ja schon früh der Wecker klingeln denn die Gezeiten kennen keine Gnade. Wie geplant ging es dann nach einer unerwartet schlaflosen Nacht morgens um 8 Uhr los. Wir waren auch bei weitem nicht die einzigen, die um diese Uhrzeit den Hafen verließen. Erstaunlich eigentlich, denn es war ja absolut kein Wind vorhergesagt, aber sicher müssen nicht nur wir hier einen Zeitplan einhalten. Zudem ist ein Tag ohne Wind eine ganz gute Gelegenheit durch das tückische Alderney Race, den Kanal zwischen Alderney und dem französischen Festland zu kommen, denn hier ist die Strömung besonders stark und wenn man Pech hat und hier Wind und Welle stehen, dann wird es eine wilde Fahrt.

Uns präsentierte sich das Alderney Race aber äußerst zahm und belohnte unser frühes Aufstehen mit fast 5 Knoten Strömung, die uns in Richtung Cherbourg katapultierten, brachte uns aber gleichzeitig eine dichte Nebelbank, die sich fast den ganzen Tag hielt obwohl keine Wolke zu sehen war und die Sonne ordentlich vom Himmel bretterte. Mit über 10 Knoten über Grund auf der Uhr rasten wir durch die stille See und wurden doch tatsächlich dabei von einer ganzen Armada an Segelbooten überholt, die kurz nach uns ebenfalls den Hafen von Guernsey verlassen hatten. Cherbourg lag schnell hinter uns und wie das eben immer so ist setzte unweigerlich auch irgendwann die Gegenströmung ein. Fährt man allerdings den Kanal hinauf folgt man quasi der Flutwelle und so ist die Gegenströmung nicht mehr allzu stark, zudem waren wir mittlerweile an einer der breitesten Stellen im Kanal und wurden deshalb nicht so stark ausgebremst wie befürchtet. Als dann sogar noch ein bisschen Wind einsetzte turnten wir beide schnell aufs Vorschiff, setzten unseren Genuabaum und das zweite Vorstag und ruck-zuck war unser altbewährtes 3er-Setup gehisst mit dem wir erstaunlich flott unterwegs waren.

Lange hielt der Spaß allerdings nicht an und als der Wind langsam schlafen ging und wir gegen den Strom nur noch mit knapp 2 Knoten dahindümpelten warfen wir den alten Motor wieder an und holten die Vorsegel für die Nacht ein.

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Still ruht die See

Da wir in den letzten Nächten auf See nicht allzu gut geschlafen hatten und es gar nicht so einfach ist sich um 21 Uhr, wenn es noch taghell draußen ist, in die Koje zu legen und auf Kommando einzuschlummern, verschoben wir unseren Wachwechsel um 2 Stunden nach hinten. So starteten wir heute entsprechend etwas später in den Tag und gerade als Christian zerzaust aus dem Bett gekrochen kam schälte sich aus dem Dunst ein großes graues Schiff, das schnell näher kam. Ein Blick aufs AIS verriet, dass das Gefährt inkognito unterwegs war, also vermuteten wir Militär oder Zoll. Wir bauten trotzdem unseren Frühstückstisch auf, denn es sah aus als führe der graue Kasten an uns vorbei. Als dann aber unsere Funke trötete war klar: die wollen zu uns! Und wir hatten richtig gelegen, es handelte sich um den französischen Zoll. Die Frage, ob man an Bord kommen dürfe verstanden wir als rhetorisch und kurze Zeit später kam ein oranges Beiboot mit 4 Herren in voller Fahrt längsseits an die Krassy während der graue Riese gemächlich neben uns herfuhr. Drei der Beamten kamen an Bord, der vierte vertrieb sich die Zeit damit mit dem Schlauchboot um die Krassy herum zu heizen und hatte sichtlich Spaß dabei.

Wir wurden freundlich begrüßt und schon ging es los mit der Befragung. Während zwei der Beamten unsere Daten notierten und Christian Fragen stellten folgte ich dem dritten nach unten in die Kabine, wo er ohne Umschweife damit begann das Bett zu zerwühlen, die Schränke zu öffnen und unter die Bodenbretter zu schauen. Wir haben nichts zu verbergen, denn wir beide sind wahrscheinlich viel zu große Angsthasen um irgendetwas illegales zu schmuggeln oder zu tun, aber es ist schon ein wenig befremdlich, wenn dort ein völlig Fremder mit einer Waffe am Gürtel so ungeniert in den privatesten Sachen herumwühlt… Es lief aber alles sehr freundlich ab und nachdem er noch einen Blick auf unsere Sicherheitsausrüstung, in die ordentlich geführten Logbücher und Seekarten, auf unser AIS-System und die Tasche mit den selbst gemachten Flaggen geworfen hatte schloss der Beamte die Durchsuchung mit einem Lob für die Krassy ab. Es gab nichts zu beanstanden! Unterdessen hatte Christian auch noch ganz nett mit den anderen beiden Herren geplaudert, die angenehm interessiert an unserer Reise waren und zum Abschluss durfte jeder von uns noch auf dem Protokoll unterschreiben. Dann gab es einen Durchschlag selbigen Protokolls für uns und einen Händedruck für die Herren vom Zoll und nach einer knappen Stunden bestiegen die Beamten wieder ihr Schlauchboot und brausten zurück zu dem immer noch geduldig wartenden Mutterschiff und wir konnten endlich frühstücken. Ein Abschiedfoto ließen wir uns aber nicht nehmen.

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Die Krassy mit Geleitschutz
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Die Jungs vom Zoll verlassen uns wieder (gut gelaunt)

Vor uns liegen nun noch ein paar weitere Meilen entlang des vielbefahrenen Verkehrstrennungsgebiets im Dover Strait bevor wir, je nachdem wie schnell wir weiterhin voran kommen Calais oder Dünkirchen später am Abend erreichen. Unser AIS ist auf dieser verkehrsreichen Route ein wahrer Segen, vor allem bei Nacht und Nebel.  Das ein oder andere Mal kam mir schon der Gedanke, dass ein aktiver AIS-Sender eigentlich Pflicht für alle Schiffe sein sollte! Man kann jederzeit genau erkennen ob einem ein anderes Schiff zu nahe kommt und ob man ausweichen muss oder nicht. Leider schält sich aber gelegentlich auch der eine oder andere Segler oder lokale Fischer ohne AIS aus dem Dunst, also bleibt einem der regelmäßige Rundumblick nicht erspart. Bis kurz vor der Reise haben übrigens auch wir nur AIS-Signale empfangen und nicht aktiv gesendet, Christians Eltern wollten aber gerne unsere Reise verfolgen und schenkten uns einen aktiven Sender, den Christian zunächst etwas grummeld einbaute, denn der Umbau war ein bisschen aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Der Knopf mit dem wir das Signal jederzeit ausschalten können, den Christian vorsichtshalber gleich mit installierte, ist bisher ungenutzt geblieben. Manchmal ist es etwas merkwürdig, wenn in der Heimat schon alle Bescheid wissen wo wir genau im Hafen liegen bevor wir richtig festgemacht haben, aber wir werden unterwegs von der Berufsschifffahrt als Segler erkannt und bisher gab es nur sehr sehr wenige Situationen in denen wir ein anderes Schiff anfunken oder selbst ausweichen mussten. Das macht die Fahrerei in verkehrsreichen Gebieten vor allem bei Nacht deutlich entspannter!

In den letzten paar Tagen haben wir eine Strecke zurückgelegt für die wir uns im vergangenen Jahr mehrere Wochen Zeit genommen haben. Leider sind wir diesmal fast die ganze Strecke von La Coruna bis Dünkirchen motort, aber wenn es irgendwie geht werden wir versuchen den restlichen Weg soweit wie möglich zu segeln, denn ab jetzt können wir es uns auch wieder erlauben in Tagesetappen gegen den Wind anzukreuzen.

Dass wir wieder in Landnähe sind merken wir im Moment hauptsächlich an einer Sache, und die nervt: Fliegen! Die Windstille, die warme Luft und die nächtliche Feuchtigkeit haben uns eine kleine Invasion verschiedenster Fliegenarten auf die Krassy geschickt. Das Schlimme daran ist aber eigentlich, dass die Mistviecher keinerlei Überlebensinstikt zu haben scheinen. Es kommt nicht selten vor, dass man sich irgendwo abstützen will und dabei eine der Fliegen mit der Hand zerquetscht. Beim Frühstück ist doch tatsächlich sogar eine auf Christians Brot verendet, als er sie versehentlich mit Butter bestrichen hat… Ganz schön ekelig!

Und eine alte Bekannte haben wir unterwegs noch getroffen. Kurz vor Brest kam uns ein riesiges rotes Segel am Horizont entgegen und noch bevor unser AIS es bestätigen konnte hatten wir sie erkannt: die Mapfre, das spanische Gewinnerboot des diesjährigen Volvo Ocean Race. Offenbar war sie auf dem Weg zurück in die Heimat in den spanischen Rias wo wir sie vergangenes Jahr beim Training beobachten konnten. Dongfeng, das andere Boot, das damals ebenfalls dort trainierte hat übrigens im Rennen den zweiten Platz belegt. Ganz schön cool, so ein Schiff dann nach dem Race wiederzusehen, auch wenn das diesjährige Volvo Ocean Race mit 2 Todesfällen nicht unbedingt glücklich ausgegangen ist…

-Steffi

Kein Wind oder Gegenwind – das ist hier die Frage!

04.07.2018

Normalerweise wären wir in La Coruna bei dem vorhergesagten Wind bzw keinem Wind nicht losgefahren. Wir hätten abgewartet bis zumindest genügend Wind in Sicht gewesen wäre um einen möglichst großen Teil der vor uns liegenden Strecken segeln zu können. Aber ganz normal sind die Umstände gerade eben nicht und so mussten wir los obwohl uns auf der Biskaya eine ausgedehnte Flaute bevorstand, denn wir müssen langsam zusehen, dass wir Richtung Heimat kommen. Wie abzusehen war lief auf fast der gesamten Strecke seit La Coruna unser alter Motor und nur ganz gelegentlich mal bekamen wir ein bisschen Wind und konnten segeln. Die Biskaya präsentierte sich uns ansonsten spiegelglatt und manchmal kräuselte sich über Stunden nicht mal die Wasseroberfläche. So ist es zwar seegangstechnisch angenehm ruhig, aber wir sind Segler und keine Motorbootfahrer und das ewige Dröhnen und Rumpeln geht einem irgendwann gehörig auf den Geist.

Wir versuchten uns trotz allem möglichst gut die Zeit zu vertreiben und so schaffte es Christian, der auf der gesamten Reise bisher nur ein einziges dünnes Büchlein gelesen hatte, doch tatsächlich Tolstoi’s Krieg und Frieden fast in einem Rutsch durchzulesen! Beeindruckend, denn an dem langweiligen Wälzer bin selbst ich Leseratte vor Jahren schon gescheitert…

Ein Vorteil der still ruhenden See ist es, dass man ewig weit sehen kann und so bekamen wir jede Menge Delphine und Wale zu sehen. Schon auf dem Hinweg vor knapp einem Jahr war uns aufgefallen, dass es in der Biskaya eine ganze Menge Delphine gibt, aber diesmal schienen es sogar noch mehr zu sein. In der Ferne sahen wir immer mal wieder den Blas größerer Wale wie eine Fontäne aus dem Wasser schießen, gelegentlich tauchten die träge dahingleitenden Grindwale irgendwo auf und immer wieder kamen wunderschöne Delphine mit einer weiß-grauen Zeichnung und freundlichen Gesichtern, die uns begleiteten.

Kurz vor Brest wurden wir dann aus unserer Trägheit gerissen und mussten improvisieren. Es gab draußen einen kurzes „Dong“ und wir sahen, dass der Zahnriemen unseres treuen Autopiloten gerissen war. Verdammt! Wir hatten schon befürchtet, dass das irgendwann passieren könnte, aber auch noch keinen Ersatzzahnriemen gefunden, denn wir vorsorglich hätten an Bord legen können. Unser Autopilot ist eine kleine Diva. Das Ding ist schon ein paar Tage älter und wurde irgendwann mal von einem der Voreigner der Krassy eingebaut. Kurz vor Start unserer Reise hat er dann allerdings den Geist aufgegeben und nur dank des unermüdlichen Einsatzes von Christians Kollegen Hajo (Danke nochmal!) erstand der Autopilot wieder zum Leben. Auf dem Hinweg zickte er allerdings trotzdem immer wieder rum und als wir uns damals in Brest auf unsere erste große Seeetappe über die Biskaya vorbereiteten überlegten wir ernsthaft einen neuen Autopilot zu kaufen. Der ist einfach zu wichtig! Das hatte er wohl gehört, denn seit dem haben wir nicht ein einziges Mal auf der ganzen Reise Probleme mit dem Autopiloten gehabt, und er war wahrlich viel im Einsatz!

Den kaputten Zahnriemen mussten wir reparieren oder eine Alternativlösung herzaubern. Mit Takelgarn nähte ich also die beiden Enden vorsichtig wieder zusammen, umwickelte alles fest mit dem stabilen Faden und dann kam noch eine Schicht Kautschukband drum und siehe da, es funktioniert! Zusätzlich häkelte ich noch aus einer dünnen Leine ein grobes Bändchen, das Christian zusätzlich ebenfalls mit Kautschukband umwickelte und auch das können wir im Notfall als Ersatz-Zahnriemen einsetzen.

Als wir auf der Höhe von Brest ankamen entschieden wir noch mal einen Tag dranzuhängen und anstatt nach Brest reinzufahren umrundeten wir das Kap und steuerten die Kanalinsel Guernsey an. Wir haben beide wenig Lust auf Frankreich und auf Guernsey könnten wir nicht nur günstig tanken, sondern haben auch einen besseren Absprunghafen zu verschiedenen Orten im englischen Kanal. Die Nachtfahrten sind allerdings echt anstrengend geworden, denn wir sind jetzt wieder in der Zivilisation und müssen zumindest alle 20 Minuten einen Rundumblick machen und unser AIS gut im Auge behalten um keine Fischer oder anderen Boote über den Haufen zu fahren. So ist ans Powernapping während der Wachen nicht zu denken und auch die arktischen Temperaturen machen die Nächte nicht gerade gemütlicher…

Ab jetzt heißt es wieder Gezeitensegeln, denn schon auf dem Weg um Brest herum erwischte uns eine fiese Gegenströmung, die fast 3 Knoten erreichte und uns ein paar Stunden ordentlich ausbremste. Das Gute ist aber, dass auf die Gezeiten Verlass ist und die Strömung irgendwann kippt und einen wie zur Entschädigung ordentlich voranschiebt.

Jetzt sind wir in St. Peter-Port auf Guernsey, wo wir vor knapp einem Jahr schon einmal gelegen haben. Diesmal wird es aber nur ein kurzer Aufenthalt, denn morgen geht es für uns schon wieder weiter. Unglaublicherweise hält sich im englischen Kanal noch immer der verdammte Ostwind und auch wenn der Deutschland aktuell schönes Wetter beschert wünschen wir uns gerade nichts sehnlicher als eine Winddrehung. Zu Beginn der Reise haben wir übrigens tatsächlich noch Witze gemacht, dass wir wahrscheinlich auf dem Rückweg eine hartnäckige Ostwindlage in Europa bekommen, allein schon, weil das so wahnsinnig unwahrscheinlich ist. Naja, und jetzt müssen wir uns tatsächlich gegen den Wind den Kanal hinaufquälen. Für die nächsten beiden Tage ist aber noch mal Flaute vorhergesagt und auch wenn uns das gewaltig stinkt werden wir diese nutzen und so weit es geht in Richtung Holland motoren. Der Motor hat dafür gerade noch mal einen Ölwechsel und ein paar Streicheleinheiten bekommen, aber bisher schlägt er sich tapfer. Tatsächlich sind wir in den letzten 3 Wochen mehr unter Motor gefahren als auf unserer gesamten bisherigen Reise… Ganz so hatten wir uns den Rückweg nicht vorgestellt – oder vielleicht will uns das Universum auch einfach nur sagen wir sollen wieder umkehren und wieder in die Karibik fahren?!

-Steffi

Wetter-Roulette

30.06.2018

Es ist mal wieder an der Zeit Abschied zu nehmen von La Coruna, das uns vor 10 Monaten schon sehr gut gefallen hat, und uns auch jetzt wieder mit seinem Zauber betört. Die letzten Tage machten wir entspannt, schliefen aus und aßen exzellent.

Aber wir gammelten nicht nur rum. Es stand mal wieder allgemeine Krassy-Pflege auf dem Programm, die durch das tagelange Am-Wind-Segeln ordentlich Wasser geschluckt hatte. Das Badezimmer, der Teppich und die Bodenbretter waren so salzgesättigt, dass sie gar nicht mehr trocknen wollten. Im Gegenteil: Abends, wenn es kühler und feuchter wurde, zog das Salz Wasser an, so dass sich an den Wänden tatsächlich Wassertropfen bildeten, als hätte es gerade geregnet. Da half nur eins: Spülen mit reichlich Süßwasser und trocken legen. So wurden sämtliche betroffenen Bodenbretter ausgebaut, gereinigt und dann in die Sonne gestellt, der nasse Teppich wurde in Süßwasser gewaschen und an der Reling zum Trocknen aufgehängt, usw.

Dann musste die Krassy an Deck noch entsalzt und gereinigt werden, wir mussten dringend Wäsche waschen und ich hatte noch einen kleinen Tauchgang gewonnen. Ältere Rassys haben das Problem, dass das Ruderlager mit den Jahren etwas ausschlägt und daher das Ruderblatt Spiel bekommt. Das macht sich durch dumpfes Rumpeln bemerkbar, vor allem, wenn die Wellen von achtern kommen. Im Laufe der Reise wurden aus dem dumpfen Rumpeln immer härtere Schläge, die echt beängstigend sein können. Also stand eine Inspektion am Ruder an: Wie viel Spiel hat es nun, und sieht man irgendwelche offensichtlichen Schäden? So ging ich, zur Unterhaltung des halben Hafens baden, laut fluchend über die arktischen Wassertemperaturen, und sah mir die ganze Angelegenheit an: Keine sichtbaren Schäden oder Schleifspuren, und das Spiel ist, soweit man das im Wasser abschätzen kann, nicht viel größer geworden als damals in Mindelo, wo ich das letzte Mal nachgeschaut habe. Ein nachfolgendes Telefonat mit Hallberg-Rassy gab Entwarnung: Fahrt erstmal nach Hause, und geht die Baustelle in Ruhe im Winter an. Erst ab einem Zentimeter Spiel sollte man was machen, und so schlimm ist das momentan noch nicht.

Gestern Abend wartete die Krassy mit einer unangenehmen Überraschung auf: Die Beleuchtung im Bad und im vorderem Durchgang brachte nur ein schwaches, funzeliges Licht zustande. Mist! Was ist denn das jetzt? Zum Glück funktionierte sonst alles normal, die Batterien sind ok. Ein kurzes Studium des Leitungsplans und die eine oder andere herausgedrehte Sicherung ergaben, dass alle drei Lampen an einer gemeinsamen Zuleitung hängen. Die scheint irgendwo beschädigt zu sein. Nur wo verläuft die Leitung? Zwei Stunden lang nahmen wir Deckenverkleidungen ab und räumten Schränke leer, bis wir das richtige Kabel identifiziert haben und nachverfolgen konnten. Und tatsächlich: Wenn man an der Stelle, an der das Kabel durch das Hauptschott zum Vorschiff geführt wurde am Kabel zieht, fing das Licht an zu flackern. Da ist was faul. Auf Verdacht schnitten wir dort einen halben Meter Original-Kabel raus und setzten ein neues Kabelstück ein, und alles funktioniert wieder. Eine schöne Lösung ist das freilich nicht. Im Winter (oder irgendwann) tauschen wir mal das ganze Kabel aus. Das ist dann allerdings ein größeres Projekt.

Und wenn wir nicht gerade an der Krassy gebaut haben, tingelten wir durch die Stadt, bummelten etwas durch die Geschäfte, besuchten die eine oder andere Tapas-Bar. Vorgestern machten wir einen Ausflug ins Einkaufszentrum am Stadtrand, und zum Abend durfte ich in der „Pulperia“ meinen wahrscheinlich letzten Pulpo dieser Reise genießen.

Jetzt schauen wir wieder nach vorne. Die Wetterprognose für die nächsten Tage hat etwas von Roulette. Das eine Modell (GFS) sieht ganz vielversprechend aus, dass wir wohl einen guten Teil der Distanz segeln können, das andere Modell (ECMWF) verspricht sehr viele Motorstunden, und ein drittes Modell (ICON) liegt irgendwo dazwischen. Immerhin sind sich alle drei Modelle darin einig, dass wir es wohl eher mit zu wenig Wind zu tun haben als mit zu viel Wind. Aber die Wetterlage an sich scheint schwierig vorhersagbar zu sein. Lassen wir uns überraschen. Jedenfalls müssen wir mit dem einen oder anderen Schauer, der einen oder anderen Nebelbank und vielleicht auch mal mit einem Gewitter rechnen. Zur Vorbereitung haben wir bereits wieder auf das große Vorsegel gewechselt, dann wird der Dieseltank gefüllt, und dann – naja – zur Not motoren wir halt über die Biskaya. Wohin die Reise geht, steht noch nicht fest. Mindestens bis Brest, vielleicht aber auch ein Stückchen weiter. Das hängt von unserer Laune, dem Wetter und dem Füllstand unseres Dieseltanks ab.

-Christian

Knapp daneben ist auch vorbei…

26.06.2018

Nach 12 Tagen auf See haben wir nun endlich europäisches Festland erreicht, wenn auch leider schlappe 450 Seemeilen von dem Ort entfernt an dem wir eigentlich ankommen wollten… Aber wir sind trotzdem froh nun im Hafen von La Coruna zu liegen, denn die Überfahrt von den Azoren kann man nicht gerade als Highlight bezeichnen. Es war alles dabei, von schönem Vorwind-Segel über anstrengendes Am-Wind-Gebolze bis hin zur totalen Flaute in der der Motor lief. Zwar hatten wir nicht das Gefühl uns in eine gefährliche Lage gebracht zu haben und wahrscheinlich wäre es auch überhaupt kein Problem gewesen noch 8 weitere Tage gegen den Wind zu kreuzen, denn so lange hätte es gedauert um zumindest Brest zu erreichen, aber wir hatten einfach keine Lust mehr und wollten nur ankommen. Das Segeln selbst ist gar nicht unbedingt das Problem, vielmehr ist es das Bordleben, denn in der Schräglage ist alles furchtbar anstrengend. Man muss sich permanent irgendwo festkrallen, bewegt sich praktisch in Zeitlupe, nachts rollt man entweder gegen die Bordwand oder fällt in das Leesegel und durch das permanent überkommende Wasser kann man die Luken nachts nicht öffnen. Zudem ist über den Mastfuß mal wieder literweise Wasser ins Bad getropft und der Salonteppich ist völlig durchnässt, sodass man entweder barfuß oder mit Schuhen durchs Boot laufen muss wenn man keine nassen Socken riskieren will.

Aber genug geklagt, es war natürlich nicht alles schlecht, wir sind vielleicht einfach ein bisschen verwöhnt weil bei uns bisher alles exakt so funktioniert hat wie wir es geplant hatten. Jetzt sind wir wieder in La Coruna und um ehrlich zu sein gibt es schlimmere Orte um sich von der Überfahrt zu erholen. Die verflixte Ostwindlage hält sich erstaunlich lange und wird auch noch ein paar weitere Tage andauern, sodass wir jetzt ein wenig ausruhen und diese wundervolle Stadt genießen können. Wir werden bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zusehen, dass wir über die Biskaya und so weit wie möglich in den Englischen Kanal hinein kommen und so lange müssen wir eben das Wetter beobachten. Uns wäre es natürlich auch lieber gewesen uns diesen Umweg zu ersparen, aber so ist es nun mal beim Segel: man muss das Wetter nehmen wie es kommt und das Beste daraus machen. Ich bin wie man vielleicht merkt die meiste Zeit über ein unverbesserlicher Optimist…

Jetzt muss ich aber noch mal ein lobendes Wort zu unserer Krassy loswerden, denn dieses alte Schätzchen hat uns auch diesmal wieder bei allen verschiedenen Bedingungen die auf dieser Überfahrt herrschten ein sicheres Gefühl gegeben. Als echte Boots-Hypochonder lauschen wir auf jedes Knarren und Knarzen und besonders nachts während der Wache kann man sich da ordentlich verrückt machen, aber unsere schwedische Lady ist ein echt robustes Schiffchen!

In La Coruna liegen wir übrigens tatsächlich wieder in der gleichen Box wie vor 10 Monaten. Und unser Plan für die nächsten Tage? Ausschlafen, Tapas essen, die Stadt genießen und dann sehen wir wie es weitergeht…

-Steffi

Wir haben eindeutig einen Vogel…

24.06.2018

45°07,4’N; 013°44,3’W

Das habt ihr bestimmt auch schon bemerkt…

Nachdem Christian sich vor ein paar Tagen den Frust von der Seele geschrieben hatte fand Neptun ein Einsehen und die See beruhigte sich etwas. Aus der fiesen Kreuzsee wurde eine angenehmere Welle und endlich riss auch der Himmel auf und die Sonne kam heraus. Erstaunlich, was das für einen Unterschied macht! Zwar waren die letzten Tage immer noch anstrengend, aber deutlich freundlicher und ab und zu konnten wir trotz der kalten Temperaturen auch mal draußen in der Sonne sitzen. Zusätzlich besserten wir die Stimmung mit dem Känguru-Manifest auf, darauf hatte uns der Blog der Roden Zora aus Amsterdam gebracht.

Wir holen jeden Tag neue Wetterdaten und leider scheint sich der untypische Ostwind vorerst vor der europäischen Küste festgesetzt zu haben. Also bestand für uns immer noch die Frage, wie wir am besten vorgehen. Unser eigentliches Ziel Falmouth in Südengland ist bei der aktuellen Windvorhersage praktisch unmöglich zu erreichen. Die erste Alternative wäre also Brest am nördlichen Ende der Biskaya, aber um dort hin zu gelangen müssten wir wahrscheinlich noch mindestens 8 Tage weiter kreuzen. Also bleibt La Coruna am südlichen Ende der Biskaya als Ziel. Um dort hinzukommen können wir jetzt noch bis morgen den Wind nutzen, der dann schnell zu einer ausgedehnten Flaute wird und auch wenn wir normalerweise nicht so scharf darauf sind sehenden Auges in eine Flaute zu fahren (wie Christian immer so schön sagt), kommt sie uns diesmal ganz gelegen. Wir werden die letzten Meile motoren und sollten dann in etwa 3 Tagen in La Coruna ankommen.

Für uns bedeutet das zwar, dass wir dann noch einmal die Biskaya überquere müssen, aber dem sehen wir recht entspannt entgegen. Die Biskaya-Querung war von einem Jahr noch unser Angststück, denn es war unsere erste mehrtägige See-Etappe. Mittlerweile sind wir aber deutlich erfahrener und wissen, dass wir für 3-4 Tage eine vernünftige Wetterprognose bekommen können und bei den mittlerweile etwa 13.500 Seemeilen, die hinter uns liegen kommt es auf diesen kleinen Umweg nicht mehr wirklich an. Auch zeitlich sind wir optimistisch, denn auf unserer Hinfahrt hatten wir La Coruna in Tagesetappen ab Hamburg nach 5 Wochen erreicht ohne allzu sehr in Eile zu geraten. Schade ist zwar, dass wir einen großen Teil der englischen Südküste verpassen werden, aber das können wir auch noch nachholen. Und um ehrlich zu sein freuen wir uns sogar ein wenig darauf noch einmal nach La Coruna zu kommen, denn der Ort hat uns wahrscheinlich von allen Orten an der europäischen Küste am besten gefallen.

Seit gestern haben wir übrigens mal wieder einen blinden Passagier an Bord. Man bekommt langsam den Eindruck die Krassy ist eine Art Erholungsheim für verirrte Vögel… Gegen Nachmittag saßen wir gestern im Schutz der Sprayhood im Cockpit als Christian auf einmal rief „Oh! Eine Eule!“. Vielleicht hatten wir doch ein bisschen zu viel Harry Potter gehört, denn die Eule stellte sich als Taube heraus… Sie flatterte erschöpft aufs Achterdeck und krallte sich dort so gut es ging fest. Christian holte schnell ein kleines Schälchen mit Wasser und stellte es dem Vogel vor die Nase. Als der endlich begriffen hatte was es war trank er in tiefen Zügen so viel Wasser, dass wir das Schälchen immer wieder neu auffüllen mussten. Die Taube ist übrigens total zutraulich und offensichtlich an Menschen gewöhnt. An beiden Beinchen trägt sie Markierungsringe, also könnte es vielleicht eine Brieftaube sein. Wie eine Großstadt-Pommes-Taube sieht sie nicht aus, dazu ist sie viel zu gepflegt.

Als nächstes kredenzte Christian eine Auswahl an verschieden Körnern und Flocken. Die guten Bio-Kürbiskerne wurden verschmäht, aber Popcornmais und Weizenkörner pickte die Taube in Windeseile heraus. Sie hatte also offensichtlich nicht nur Durst, sondern auch Hunger. Als wir uns dann irgendwann nach unten verzogen und das Cockpit frei machten plusterte sich uns gefiederter Gast auf und machte es sich in einer geschützten Ecke für die Nacht bequem. In der Zwischenzeit hatte das undankbare Vieh aber noch die gesamten Cockpitbänke vollgeschissen. Diese Taube hat eine Hochleistungsverdauung! Am nächsten Morgen hätte man meinen können, dass sie eine ganze Horde Kumpels eingeladen hatte um die Krassy vollzuscheißen, so viel konnte doch der eine kleine Vogel nicht allein verdauen! Naja, in der Nacht ließen wir sie noch dort sitzen, aber seit heute früh führt Christian einen erbitterten Kampf gegen das Federvieh, denn jedes Mal, wenn er die Bänke gerade sauber geschrubbt hatte kam die Taube wieder an und machte Dreck. Irgendwann bekam sie dann so eine gewatscht, dass sie wegflog. Mal sehen, ob sie noch mal zurückkommt…

-Steffi

Segeln zum Abgewöhnen

22.06.2018

45°40.8’N, 016°25.2’W

Unsere Überfahrt begann relativ typisch für die Etappe unserer Reise, die vor uns liegen würde. Erst aus dem Azorenhoch herausmotoren, und dann die Westwinde nutzen. Das hat für die erste Hälfte der Strecke auch ganz gut funktioniert. 600 der gut 1200sm nach Falmouth kamen wir zwar nicht schnell, aber gut voran – bis alles anders werden sollte. Bereits im letzten Beitrag habe ich angekündigt, dass der Trend wohl nicht gerade unser Friend sein würde, und das ist noch schöneredet.

Der Trend ist nämlich ziemlich katastrophal, er verspricht uns tatsächlich eine stabile Ostwindlage, die einfach kein Ende nehmen will. Genau genommen haben wir ONO-Wind. Mehr von vorne geht also nicht. Norrmalerweise besteht so eine Wetterlage ein paar Tage lang, bevor sie von einem anrauschenden Tiefdruckgebiet weggefegt wird. Unsere Sorge war eher, dass wir es auf der zweiten Hälfte der Strecke mit starken oder stürmischen Winden von einem Tiefdruckgebiet zu tun bekommen könnten, dann aber aus West oder Südwest. Mit einer langfristigen Ostlage kann nun wirklich keiner rechnen!

So stehen wir hier, mitten auf dem atlantischen Ozean, mit Gegenwind und ohne Besserung in Sicht. Jetzt sind wir bereits seit zwei Tagen im Genuss des Hart-Am-Wind-Segelns bei 5-6 Windstärken. Und Spaß macht das nicht.

Aber von vorne. Die letzten Tage im Einfluss des Azorenhochs wurden zunehmend trüber und grauer. Hochdruckeinfluss bedeutet halt nicht immer eine Schönwetter-Garantie. Wir sahen nur noch grau, und segelten von einer Nebelbank durch die nächste. Aber wir kamen voran. Vorgestern endete dann der Zauber. Früh morgens drehte der Wind und machte ein paar Umbauten an unserer Besegelung erforderlich, und zum Gegenwind , der allmählich aufkam, begann es erst einmal wie aus Kübeln zu schütten. So einen Regen haben wir seit der Karibik nicht mehr gesehen, nur dass die Temperaturen jetzt nicht mehr annähernd karibisch sind. Tatsächlich haben wir es mittlerweile mit Nachttemperaturen um die 14°C zu tun, und tagsüber werden, im unwahrscheinlichen Falle, dass sich die Sonne blicken lässt, gerade mal 20°C erreicht. Wir haben die Barfuß-Route wohl jetzt offiziell verlassen.

Nun kämpfen wir uns Meile für Meile nach Osten. Amwind-Segeln kann ja richtig Spaß machen. Auch bei sechs Windstärken. Aber nur, wenn man es mit einer kurzen Distanz zu tun hat. Der geneigte Ostsee-Segler kennt das vielleicht: Man ist in Warnemünde und möchte nach Westen. Kühlungsborn liegt keine 20 Seemeilen entfernt. Der Wind weht mit 6 Windstärken direkt von vorne. Man beschließt, die Strecke hochzukreuzen. Das ist echter Sport, und nach einem kurzen Segeltag ist man da. Unterwegs gibt es eine Tüte Chips zu naschen, abends geht man zur Belohnung toll essen und man tauscht bei einem Bier mit den Bootsnachbarn Heldengeschichten aus. Am Tag darauf wird zur Erholung ein Hafentag eingelegt.

Hier draußen müssen wir unseren gesamten Alltag geregelt bekommen. Wir müssen Kochen, Essen, Brot backen, Wache gehen, Schlafen. Alleine der Toilettengang ist eine Herausforderung. An Schlaf ist fast gar nicht zu denken, weil man im Bett ständig durch die Gegend rutscht. Ich bin ganz von mir selbst überrascht, dass ich es schaffe, diesen Text halbwegs fehlerfrei zu schreiben. Stellt euch einfach mal vor, man würde eure Wohnung um 30-40° neigen und auf dem Rücken eines bockenden Esels festbinden. So in etwa fühlt sich das hier an. Ach ja, und im Badezimmer regnet’s Salzwasser, der Teppich ist nass, und irgendwie scheint nichts mehr trocknen zu wollen.

Unser Wendewinkel liegt bei bestenfalls 120°. Mehr ist nicht drin. Fahren wir mit 5 Knoten, machen wir damit in 24 Stunden ca. 50-60 Meilen in Windrichtung gut. Nun muss man diese Geschwindigkeit auch erreichen. Hier stellt sich die Frage nach der Besegelung. Der Wind ist nämlich sehr böig. Besegeln wir für den Grundwind, sind wir in den Böen hart überpowert, besegeln wir nach den Böen, parken wir im Grundwind ein. Bringen die Segel zu wenig Vortrieb, wird das Schiff durch die Wellen zusätzlich gebremst. Bringen die Segel zu viel Vortrieb, wird die Fahrt ruppiger und wir riskieren unser Material, was ja nun schon ein paar Seemeilen auf dem Buckel hat und nicht unerheblicher UV-Bestrahlung ausgesetzt war.

Wir fahren momentan eine Besegelung an der Grenze. Die volle Arbeitsfock und das Groß im zweiten Reff. Das hat sich in den letzten Jahren für 6 Windstärken bewährt, allerdings sorgt die raue See hier draußen für zusätzliche harte Schläge. Mit weniger Tuch sind wir zu langsam, und wir würden weniger Höhe laufen. So schaffen wir es nun, mit gut 5 Knoten zu segeln, hoffentlich ohne das Material zu riskieren. Knock on wood.
Mittlerweile haben wir uns ein bisschen an die Verhältnisse gewöhnt, aber wir wollen dem Elend so schnell wie möglich ein Ende setzen. Das zehrt gerade echt an unseren Kraftreserven. Unser momentaner Plan ist es, Strecke nach Osten gutzumachen, bis wir La Coruna oder Brest in Motor-Reichweite haben. Noch haben wir Diesel für gut 350 Seemeilen an Bord. Allerdings müsste der Wind erheblich nachlassen, wenn wir gegenan motoren wollten. Unsere aktuellen Wetterdaten sagen ein Flautengebiet im Seeraum vor La Coruna voraus, das 24h Bestand haben könnte. Sollte sich das bewahrheiten, könnten wir es nutzen, um ein paar Meilen nach Osten gutzumachen, getreu dem Motto: „Lieber einen Tag schlecht motort als drei Tage gut gekreuzt“. Das ist aber Stand von gestern, aktuelles Wetter rufe ich ab, wenn ich diesen Beitrag hochlade. Es wäre keine Überraschung, wenn wir unsere Pläne wieder über den Haufen werfen müssten. Oft genug erschien uns auf dieser Überfahrt die neuste Wetterprognose wie ein Schlag ins Gesicht. Vielleicht hat Neptun ja Erbarmen mit uns, und beschert uns eine Winddrehung, mit der wir wenigstens halbwegs sinnvoll nach Brest gelangen könnten. Optimistisch sind wir aber nicht.

-Christian

Ein Mann und sein Motor im Kampf gegen das Azorenhoch

18.06.2018

43°15.9’N, 024°21.9’W

Das Azorenhoch trägt seinen Namen bekanntermaßen ja nicht, weil ein alter Meteorologe dort gerne Urlaub gemacht hätte, sondern, weil es zumeist in direkter Nähe der Azoren anzufinden ist. Im Inneren eines Hochdruckgebietes herrscht zumeist schönes Wetter, aber Flaute. Insofern hatten wir Glück, als wir bei unserer Ankunft auf Terceira quasi bis zur Hafeneinfahrt segeln konnten. Es ist nicht unüblich, die letzten gut 100 Meilen vor den Azoren motoren zu müssen, weshalb die Seehandbücher auch explizit darauf hinweisen, man solle ausreichend Dieselvorräte für diesen Fall einplanen.

Dass um die Azoren Flaute herrscht, haben wir dann auch bei unseren Etappen nach Sao Jorge und Faial mitbekommen, die wir fast komplett unter Motor bestritten hatten. Nun stand also unsere Weiterfahrt auf dem Programm, und wir suchten nach einem geeigneten Wetterfenster. Und da war es: Die Prognose versprach einen schönen Windkorridor mit mäßigem Wind nördlich der Azoren, der zumindest vier Tage anhalten würde und uns gut in Richtung des englischen Kanals schieben würde, bevor das Wetter, naja, veränderlicher werden würde. So beschlossen wir, Freitag aufzubrechen, was schade war, denn just an diesem Tag wollten Karin und Robert mit der Moby Dick, die wir auf Madeira und den Kanaren getroffen hatten, in Horta ankommen. Gerne hätten wir mit ihnen etwas geklönt, aber vier Tage guter Wind ist halt besser als drei Tage guter Wind, und wir müssen den Zeitplan ja im Auge behalten. Immerhin hatten wir noch einen kurzen, aber nicht ganz störungsfreien Funkkontakt.

So führte uns unser Kurs zunächst nach Norden, um möglichst schnell aus dem Kern des Azorenhochs heraus zu gelangen. Tatsächlich war hierfür ein nicht unerheblicher Motoreinsatz von 16 Stunden nötig, denn abgesehen von kurzen Strecken zwischen den Inseln ging seglerisch gar nichts. Aber dann, ganz allmählich, kam Wind auf und wir konnten segeln, weiterhin nach Norden, um auch sicher in den Windkorridor zu gelangen. Das war entspannt, aber auch nervig, denn wir hatten nur gerade so viel Wind, dass wir mit etwas mehr als drei Knoten voran kamen, und die See war dennoch bewegt genug, um die Segel ordentlich schlagen zu lassen.

Tja, Geduld ist eine Tugend, und mittlerweile wurden wir durch schönes und entspanntes Segeln belohnt und fahren tatsächlich auf unser Ziel zu. Aber: The trend is not our friend, nun sieht es ganz so aus, als würden wir ordentlich Gegenwind bekommen. Das hat sich in unseren Wetter-Downloads bereits angedeutet, jetzt kam von unserem Shore-Support Ha-Jo die Bestätigung: Gegenwind von Donnerstag bis Montag. Na geil. Wir werden sehen, wie sich das entwickelt. Mit bisschen Glück kommt der Wind nicht ganz von vorne, so dass wir wenigstens auf einem Bug sinnvoll vorwärts kommen können, ansonsten wird’s langwierig und nervig. Hoffen wir mal, dass es sich nicht ganz so bewahrheitet, denn eine Prognose die über mehr als 3 oder 4 Tage hinaus geht, läuft bei uns unter der Kategorie „Kaffeesatz-Lesen“. Wenn wir irgendwann zu sehr genervt sind (Dauerhaftes Amwind-Segeln macht den Bordalltag und das Schlafen echt schwierig), müssen wir über Alternativen nachdenken. La Coruna könnte so eine Alternative sein, aber warten wir erstmal ab. Noch ist nichts passiert, und noch halten wir an Falmouth fest!

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Schlafen und Kochen funktioniert, da es recht ruhig ist, bestens, und die Tage plätschern mit Harry Potter und den Heiligtümern des Todes langsam vor sich hin. Duschen wird temperaturmäßig langsam zu einer echten Qual, man muss schon echt stinken, um sich das anzutun. Aber nur die Harten kommen in den Garten. Bisheriges Highlight: Ein großer Wal besuchte uns gestern Abend und zog ganz entspannt und gelassen ein paar Bootslängen entfernt an der Krassy vorbei. Was für ein Anblick!

-Christian

Da muss man mal gewesen sein

15.06.2018

Das ist es, was den Zauber von Horta ausmacht. Oder vielleicht auch nicht? Horta ist genau genommen kein Highlight, die Marina ist völlig überfüllt, der Ort bietet nicht unbedingt viel fürs Auge und auch die Restaurants sind eher dünn gesät und für die Azoren erstaunlich teuer. Aber man muss eben mal da gewesen sein, denn hier fährt jeder hin. Und natürlich muss man die beiden Dinge tun, die alle Segler in Horta tun: ein Bild auf die Kaimauer malen und ins Peter Cafe Sport gehen. Wir haben pflichtbewusst beides erledigt und freuen uns tatsächlich, dass vielleicht der ein oder andere auch irgendwann mal unser kleines Kunstwerk an der Hafenmauer entdecken wird.

Wir hatten gehofft in Horta ein wenig mehr mit anderen Crews ins Gespräch zu kommen, aber leider war das hier so gar nicht der Fall. Mit unseren französischen Nachbarn war die Kommunikation nach der nächtlichen Pinkelparty eher mau und auf das unvermeidbare begrenzt und ansonsten gab es auch wenig Gelegenheiten mit anderen zu plaudern. Einzig die Crew einer größeren Hanse, die im Päckchen vor uns lag schien ganz witzig zu sein, vor allem aber weil das Boot den Namen „Unsinkable 2“ trug und so schon ein gewisses Maß an Humor seitens der Crew suggerierte. Aber in Horta ist doch jeder mit sich selbst und den Vorbereitungen für die nächste große Überfahrt beschäftigt.

Wir schleppten uns in der schwülen Hitze zum nächstgelegenen größeren Supermarkt, kauften frisches Obst und Gemüse ein, wechselten unsere Genau, füllten den Wassertank und nun sind wir auch wieder auf See.

Natürlich waren wir auch im Cafe Sport und ließen dort nach einem sehr üppigen Abendessen auch unsere alte Krassy-Flagge, die nun neben der Tür an der Wand hängt. Sollte es euch mal nach Horta verschlagen, dann haltet gut Ausschau nach ihr!

Unser nächster Halt ist nun hoffentlich Falmouth in England. Bisher scheint es so, dass wir ein sehr gutes Wetterfenster gefunden haben und wenn alles läuft wie geplant, dann sind wir sogar ziemlich gut in der Zeit.

-Steffi

Schlaflos in Horta

13.06.2018

Samstag in aller Frühe, der Wecker klingelte tatsächlich schon um 6 Uhr morgens, verließen wir mit etwas schwerem Herzen den Hafen von Angra, um die nächste Insel, Sao Jorge, anzulaufen. Wind war nur sehr wenig vorhergesagt (was auch nicht ungewöhnlich ist, wenn man bedenkt, dass wir uns mitten im Azoren-Hoch befinden), aber wir waren frohen Mutes, doch einen guten Teil der Strecke segeln zu können, zumindest zwischen Terceira und Sao Jorge. Segeln konnten wir dann ungefähr 2 Stunden lang, bevor der Wind dann so schwach wurde, dass wir den Rest der Strecke unter Motor bewältigen mussten. Die Überfahrt war dann auch recht ereignislos, abgesehen von vereinzelten kleineren Walen, die wir in der Ferne erspähen konnten.

Der Hafen von Sao Jorge ist klein und gemütlich. Und es war gut, dass wir früh los sind, denn so bekamen wir eine eigene Box zugeteilt, in der wir, obwohl sie etwas klein für unser Boot war, gut liegen konnten.

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Hafen von Velas auf Sao Jorge

Der Sonntag war dann etwas verschlafen. In Sao Jorge gibt es eine große Population verrückter Vögel, im Englischen heißen sie wohl Shearwater. Tagsüber sitzen sie in größeren Gruppen auf dem Wasser herum, und nachts flippen sie total aus. Sie kreisen, laut kreischend in großen Schwärmen über den Hafen und machen Schlafen zu einer Herausforderung. Ihr Schrei hört sich in etwa so an: „Aua-Aua-Haua-Haaaaaaa“, fast schon norddeutsch, in Endlosschleife und mit mehreren Stimmen gleichzeitig echt nervtötend. Der Tag tröpfelte also vor sich hin, außerdem war Sonntag und darüber hinaus portugiesischer Nationalfeiertag, daher konnte man sowieso nicht viel machen. Ich lief auf Empfehlung der Dame in der Touristeninformation, um wenigstens irgendetwas zu tun, einen nahegelegenen Hügel hinauf und wurde mit einer großartigen Aussicht auf die Inselwelt zwischen Sao Jorge, Pico und Faial belohnt.

Für Montag hatten wir uns eine Wanderung ausgesucht, die uns bereits auf Terceira empfohlen wurde. Man kann sich Sao Jorge in etwa so vorstellen: Die Insel ist schmal und lang, rundherum hat sie eine Steilküste, und der größte Teil der Insel liegt auf einem hoch gelegenen Plateau, bestehend aus sanften Hügeln, die von Wald, Wiesen und Feldern bedeckt sind. Unsere Wanderung würde oben auf dem Plateau auf rund 700m beginnen, und uns über eine Strecke von gut 10km runter an die Nordküste führen. Das Problem war nur: Wie kommen wir da hin? Das ist kein Rundweg, daher ist ein Mietwagen nicht wirklich hilfreich. Und Busse fahren kaum. Wir mussten uns also ein Taxi nehmen, mit dem wir zum Startpunkt der Wanderung gelangen konnten, und das uns am Endpunkt der Wanderung wieder abholt. Zum Glück gibt es für diese Routen Festpreise, man weiß also, worauf man sich einlässt. Start- und Endpunkt unserer Wanderung waren ein gutes Stück weit entfernt, daher kostete uns der Spaß 60€. Dafür bekamen wir aber auch eine Inselrundfahrt geboten, an der Südküste entlang ca. 45min hin, und an der Nordküste entlang gut 45min zurück. So nahmen wir die Wanderung in Angriff, obwohl die Nacht wegen des Geschnatters nicht viel erholsamer war, als die Nacht zuvor.

Und die Wanderung war wirklich toll! Die erste Hälfte bestand aus dem Abstieg runter auf Meeresniveau, und bot einige sehr schöne Ausblicke. Der Weg führte uns über die ein oder andere Kuhweide, durch Wälder und an einem Wasserfall entlang zur Nordküste, und der zweite Teil ein Stück an der Küste entlang zu einer winzigen Siedlung, die im Prinzip nur aus einer Kirche und einer Snackbar bestand. Ich konnte es mir auch nicht verkneifen, unter dem Wasserfall ein kleines Bad zu nehmen (jaja, das Kind im Manne…), was aber wirklich nur kurz war, denn das Wasser war saukalt. Was Wandern angeht, ist Steffi übrigens ein Phänomen. Bergab, egal wie steil, kann sie stundenlang laufen, ohne aus dem Ruhepulsbereich zu kommen. Setze sie auf dem Mount Everest ab, und sie läuft entspannt und locker flockig ins Base Camp runter. Sobald es aber ein paar Meter hoch geht, hört das Fluchen gar nicht mehr auf. Abends gönnten wir uns dann ein Abendessen im Yachtclub und fielen danach erschöpft ins Bett.

Gestern beschlossen wir, weiter nach Horta auf Faial zu fahren, in der Hoffnung, einen Platz im Hafen zu bekommen, und vielleicht mal wieder eine Nacht ohne Geschnatter zu verbringen. Horta ist so etwas wie ein Drehkreuz der Atlantiksegler und Weltumsegler, der klassische Stopp, wenn man über den Teich kommt. Mir war der Ort lange ein Begriff, und auch für mich war er eine Art Sehnsuchtsziel. Hier fährt man hin und hinterlässt ein Bild an der bunten Hafenmauer. Was den Hafen angeht, ist Horta allerdings kein echtes Highlight. Man liegt im Päckchen, die Boote werden also in Viererpäckchen (oder mehr) längsseits aneinander vertäut. Liegt man innen, also an der Mole, laufen einem viele Leute über Deck. Liegt man außen, muss man immer damit rechnen, dass einer, der innen liegt raus will, und man Manöver fahren muss. Das ist natürlich kommunikativ und regt den Austausch untereinander an, aber es kommt auch ein bisschen auf die Nachbarn an.

Als wir dann Horta erreichten, wurden wir auch wie erwartet in ein Päckchen verwiesen, allerdings nur als zweites Boot. Das war echt gut, da habe ich mit Schlimmerem gerechnet. Steffi war nicht wirklich glücklich, denn in ihr kam, je mehr wir uns Horta näherten, zunehmend Horror vor dem Hafen und den dazugehörigen Hafenmanövern auf. Insgesamt war das dann doch alles halb so wild, wir liegen an der Außenmole, wo sowieso viel Platz ist, und darüber hinaus war (und ist) auch nicht viel Wind.

Abends drehten wir noch eine erste Runde durch den Ort, dann suchten wir uns ein Restaurant fürs Abendessen. Das war allerdings eher eine Enttäuschung. Insgesamt, so hat sich bisher herausgestellt, war Terceira gastronomisch eine ganz andere Liga. Das Essen war deutlich besser, auch auf Sao Jorge konnten die Restaurants nicht so wirklich überzeugen, und darüber hinaus sind die Preise auf Sao Jorge und Faial gut 50% höher als auf Terceira.

Als wir abends zur Krassy zurückkamen, stellten wir fest, dass auf dem französischen Nachbarboot, an dem wir längsseits liegen, eine kleine Party im Gange war. Wir sind nicht unbedingt die Typen, die direkt meckern, wenn’s mal lauter ist. In Puerto de Mogan haben wir bestimmt auch die Nerven einiger Bootsnachbarn strapaziert, als wir mit unseren Freunden von der Walross 2.1 und der Leonora bis nachts zusammen gesessen haben. Außerdem dachten wir uns: Die haben Kinder, das kann schon nicht so lange gehen. Aber Pustekuchen, die Party ging bis um zwei Uhr nachts, das Geschnatter der Vögel wurde also nur durch französisches Stimmengeschnatter ausgetauscht, angereichert mit dem regelmäßigem Plätscher-Geräusch der benachbarten Überbord-Pinkler (auch so eine französische Marotte), so dass wir uns vorkamen, als versuchten wir, auf einer öffentlichen Toilette in Frankreich zu nächtigen. Man wird auf so einer Reise, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade frankophil. Bis wir dann wirklich einschliefen, dauerte noch eine kleine Ewigkeit. Und heute früh wurden wir dann auch gleich geweckt, als ein neues Nachbarboot an unsere freie Seite kann. Wir fragen uns wirklich, wie man sich hier in Hinblick auf die nächste längere See-Etappe erholen soll.

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Pissoir Francaise

Jetzt müssen wir mal schauen, wie’s weiter geht. Erstmal wollen wir noch unser Bild an die Hafenmauer malen, dann haben wir die Hoffnung, zum Wochenende hin in Richtung England zu starten, wenn das Wetter ok ist. Es wäre aber schön, bis dahin wenigstens noch ein bisschen Schlaf zu bekommen…

-Christian

Österreich mit Seeblick

08.06.2018

Jetzt ist es wieder eine ganze Zeit her, dass ihr von uns gehört habt. In der Zwischenzeit haben wir eine ganze Reihe toller Nachrichten und e-mails mit Glückwünschen erhalten über die wir uns riesig gefreut haben! An dieser Stelle also noch mal ein ganz dickes DANKESCHÖN an alle die unsere Reise verfolgen und uns immer wieder schreiben!

Wir krönten den letzten Sonntag indem wir uns noch ein leckeres Abendessen gönnten. Auf der Suche nach einem Restaurant folgten wir einem Schild in einem unscheinbaren Eingang. Dort hieß es: Fresh Food made with Love. Klingt doch gut! Die Treppe rauf ging es dann in einen herrlich gemütlich eingerichtetes „Wohnzimmer“. Alles war bunt und ein bisschen schrill und wir hatten das Gefühl direkt zurück nach Hamburg ins Karoviertel katapultiert worden zu sein. Auf den Azoren ist es so günstig essen zu gehen, dass wir tatsächlich bisher kein einziges Mal selbst gekocht haben seit wir hier angekommen sind. Nach einem üppigen und meist richtig gutem Essen mit Vorspeise und Nachtisch stehen selten mehr als 25 oder 30 Euro auf der Rechnung und besonders nach den letzten Monaten auf den Virgin Islands, Bahamas und Florida genießen wir es so richtig mal wieder solche Spottpreise zu zahlen. Wenn einem Sätze entweichen wie „Och Mensch, das Bier hat ja jetzt nur 6 Dollar gekostet, das ist ja voll okay!“ dann weiß man, dass man schnell nach Portugal fahren sollte!

Am Montag kümmerten wir noch mal um die Krassy. Ein großer Berg Wäsche wollte gewaschen werden, wir polierten endlich mal den Flugrost von unserem Heckkorb, spülten unseren Wassertank ordentlich durch, wuschen die salzwassergetränkten Teppiche mit reichlich Frischwasser aus und reparierten den kaputten Abfluss unter den Plichtbänken. Irgendwann zwischen der ganzen Arbeit kamen wir dann doch noch mit unseren Stegnachbarn ins Gespräch. Ein paar Boote weiter lag eine Hallberg-Rassy 36 mit einem jungen Pärchen und einer riesigen Berliner Flagge. Sandra und Jens sind etwa in unserem Alter und haben im letzten Jahr eine sehr ähnliche Tour gemacht wie wir. Die beiden haben sich dann entschieden ihr Boot auf den Azoren zu lassen, denn so richtig konnten sie sich nicht durchringen die Reise endgültig zu beenden. Jetzt kommen sie wann immer sie können hier her und erkunden die Azoren, immer mit der Möglichkeit im Hinterkopf doch eines Tages wieder aufzubrechen, in welche Richtung auch immer…

Aus einem kurzen Pläuschchen wurde ein ganzer Abend und besonders Jens freute sich wie bolle, als wir aus unserem Kühlschrank ein paar Dosen Carib-Bier hervorzauberten. Da die beiden abends mit einem Bekannten essen gehen wollten luden wir auch Peer aus Österreich zu uns ein und später gingen wir alle zusammen zum Captain’s Table, einem Restaurant, das erst kürzlich von einem anderen Langfahrer eröffnet wurde, der ebenfalls hier auf den Azoren geblieben ist. Essen und Gesellschaft waren super und nach sehr langer Zeit fielen wir mal wieder erst spät in der Nacht in unsere Koje.

Der nächste Tag lief entsprechend schleppend an, denn das späte und deftige Essen hatte besonders bei mir zu einer eher durchwachsenen Nacht geführt… Wir verbrachten außerdem den größten Teil des Tages mit der Suche nach weiteren Lecks, denn trotz unserer gelungenen Reparatur des Ablaufs im Cockpit war der Teppich um den Kartentisch herum noch immer klitschnass. Da wir nicht fündig wurden entschieden wir, dass wahrscheinlich das Wasser noch nachgesickert war, denn wir hatten ja das Cockpit ordentlich geflutet als uns der kaputte Ablauf aufgefallen war. So lange das Wasser von oben hereinkommt sind relativ entspannt. Das ist zwar lästig, aber so ist das nun mal bei alten Booten…

Später am Nachmittag wollten wir noch ein wenig den Ort erkunden und liefen dabei so weit, dass wir sogar zum großen Supermarkt Continente kamen. Man muss dazu übrigens wissen, dass es auf dieser Insel keine ebenerdigen Wege gibt. Es geht IMMER bergauf! Nach drei Wochen kultiviertem Muskelschwund war der Spaziergang durch den Ort also doppelt anstrengend…

Mittwoch hatten wir dann endlich das Gefühl, dass die Krassy jetzt erst mal genug Zuneigung bekommen hatte und so mieteten wir uns ein kleines Auto um die Insel zu erkunden. Nach dem dicken SUV, den wir in Daytona gemietet hatten musste Christian sich erst mal wieder an das Fahren mit Gangschaltung und ohne Rückfahrkamera gewöhnen, aber wir sind ja anpassungsfähig…

Die größten Highlights auf Terceira sind die Vulkangrotten, denn wie das ganze Archipel ist auch diese Insel durch Vulkanausbrüche aus dem Atlantik aufgestiegen. Als erstes fuhren wir zu einem Lavafeld, auf dem man auf einem Rundweg die aus der Erde aufsteigenden Dämpfe bewundern kann, sowohl optisch als auch olfaktorisch. Will heißen, man sah hier dicke Dampfschwaden aus dem Boden aufsteigen und es roch fies nach Schwefel.

Danach ging es dann weiter, tief in die Erde hinein. Nicht weit entfernt von den Lavafeldern kann man direkt in einen Vulkan hinabsteigen und aus der Grotte heraus durch den Vulkankrater den blauen Himmel bewundern. Tief unten (mal wieder ging es zur Freude der müden Beine bergauf und bergab…) gab es einen See und an den Wänden im Inneren des Vulkans gab es Stalagmiten und Stalagtiten zu bewundern. Teile des Gesteins bestehen aus Obsidian und wer wie wir Game of Thrones gesehen hat, der denkt jetzt bestimmt auch an die weißen Wanderer…

Wenn man schon mal auf den Azoren ist, dann muss man auch wandern gehen. Besonders mein Captain war mal wieder vom Bewegungsdrang geplagt und hatte sich schon ausführlich über die Wanderwege der Insel informiert und zielstrebig den schwierigsten als unser Ziel auserkoren, den Misterios Negros. Zu seiner Verteidigung muss ich sagen, dass dieser Wanderweg zum Glück auch der mit dem geringsten Höhenunterschied war und zudem einer der schönsten der Insel sein soll. Wir fuhren also zum Startpunkt des Weges, zogen unsere Wanderschuhe an und los ging es. Zunächst fragten wir uns noch, was eigentlich so schwierig an diesem Weg sein sollte, denn wir liefen auf recht gut befestigten Wegen durch die hügelige Landschaft. Langsam aber sicher kamen wir dann jedoch immer tiefer in den Wald und irgendwann war ein Weg nur noch anhand der Zeichen an den Bäumen und den matschigen Fußabdrücken zu erkennen. Es ging im wahrsten Sinne des Wortes über Stock und Stein und wir mussten mehr als einmal die Hände zuhilfe nehmen und uns an den Ästen der Bäume heraufziehen. Es war mehr ein Kletterpfad als ein Wanderweg, aber genau sowas macht auch richtig Spaß! Die Landschaft veränderte sich ständig und so kamen wir aus dem dichten Wald heraus und fanden uns auf einem schwarzen Hügel aus Lavastein wieder. Hier verloren wir kurz den Weg und Christian kletterte fast bis oben auf den Hügel, wo allerdings das Gestein so locker wurde, dass es sich mit Sicherheit nicht mehr um einen Weg handeln konnte. Von oben konnte man aber gut erkennen wo der Pfad weiterführte und kurz danach fanden wir uns mitten auf einer Alm mit Kühen wieder auf der es herrlich nach der wild wachsenden Zitronenmelisse duftete. Wir waren in Österreich angekommen und vom Hügelkamm sahen wir sogar das Meer! Was für eine Mischung!

Obwohl man laut unserer Wanderkarte für den Weg 2,5 Stunden brauchen sollte schafften wir ihn doch tatsächlich in 2 Stunden. Ein bisschen stolz auf uns kamen wir wieder am Ausgangspunkt an und stellten fest, dass gerade noch genug Zeit blieb um die Lavatunnels zu besuchen, deren Eingang sich ebenfalls am Start des Wanderweges befindet. Wir bekamen ein paar Bauarbeiterhelme ausgehändigt und wurden mehrfach darauf hingewiesen, dass wir uns doch bitte in bisschen beeilen sollten, denn in einer halben Stunde wäre Zapfenstreich. Wir stiegen also behelmt in die Tunnels hinab wobei sich Christian tatsächlich an jedem einzelnen Stein den Kopf stieß (mit dem Helm war er ja noch ein bisschen größer als ohnehin schon…) und stapften durch die beeindruckenden Tunnels, die sich die heiße Lava durch den Stein gegraben hatte. An einigen Stellen war der Tunnel so niedrig, dass man beinahe hindurchkriechen musste, dafür konnte man aber auf dem ganzen Weg durch den natürlich geschaffenen Lavaboden laufen. Ein Glück hatten wir noch immer unsere Wanderschuhe an…

Müde und hungrig wollten wir nach diesem aufregenden und tollen Tag natürlich noch was essen gehen. Google Maps bot nicht weit von den Lavatunnels entfernt eine kleine Taverne an, die ziemlich gute Bewertungen hatte. Der Wirt sprach exzellentes Englisch, meinte allerdings das Essen wäre erst in einer Stunde so weit. Um uns damit nicht zu verschrecken nahm er uns mit in die Küche und zeigte uns die Lavasteinöfen in denen schon einige Töpfe vor sich hin schmorten. Wenn er das Essen für uns früher rausholen würde wäre es nicht so gut. Kein Problem, wir warten!

Wir bestellten uns schon mal was zu trinken und bekamen als Vorspeise Brot, azorischen Käse und Feigenmarmelde. Tatsächlich kam dann nach einer Stunde das Essen. Wir konnten vorher aussuchen ob wir lieber Fisch oder Rippchen wollten. Wir hatten uns für Rippchen entschieden und auch wenn ich sonst wirklich kein großer Fleischesser bin stellte sich das als ausgezeichnete Wahl heraus! Wir bekamen einen riesigen Teller mit saftig geschmorten Rippen (Rippchen wäre falsch…), dazu gab es die wahrscheinlich besten Süßkartoffeln, die wir je gegessen haben, Paprikareis und Salat. Das Essen war einfach super! Wir futterten tatsächlich alles auf und unterhielten uns zwischendurch immer wieder mit dem herzlichen und sympathischen Wirt, der von den Geschichten über unsere Reise ganz begeistert war. Er spendierte uns zu unserem Kaffee, den man hier nach dem Essen trinkt noch ein paar Stücke traditionellen Kuchen nach altem Rezept aus Terceira und zum Abschluss gab es sogar noch einen kleinen Minzlikör von der Insel Pico aufs Haus. Die Rechnung war mal wieder so gering, dass wir ein saftiges Trinkgeld drauflegten und ich ließ mir auch gleich ein paar Visitenkarten und Flyer geben um im Hafen ein bisschen Werbung zu machen. Sollte es euch irgendwann mal nach Terceira verschlagen, dann geht unbedingt in der Taberna Roberto essen! Ruft ein paar Stunden vorher dort an und Roberto zaubert euch ein wahrhaft himmlisches Mahl. Übrigens verirren sich Touristen so gut wie nie in dieses Lokal, hier gehen eigentlich nur die Einheimischen hin, was es sogar noch heimeliger macht.

Den Tag schlossen wir dann noch mit ein paar Abschiedsdrinks mit Sandra, Jens und Peer ab, denn Sandra und Jens flogen am nächsten Tag ganz früh zurück nach Berlin. Schade, mit den beiden hätten wir gern noch ein paar Abende verbracht, aber ihr Urlaub war zuende und für die beiden ruft die Arbeit wieder. Ihr Boot hatten sie am Nachmittag aus dem Wasser geholt und ins Trockendock gestellt. Dort bleibt die Kobold jetzt bis zum nächsten Besuch.

Als wir zurück zur Krassy kamen erwartete uns noch eine kleine Überraschung. Dort wo vorher die Kobold lag war ein anderes Schiff angekommen. Die Streamline aus Schweden, unsere alten Stegnachbarn aus Puerto de Mogán! Na sowas, die Welt ist klein!

Am nächsten Morgen schauten wir natürlich bei den beiden Schweden vorbei und wurden auch gleich wiedererkannt. Da wir aber noch einen weiteren Tag unser Auto zur Verfügung hatten machten wir uns bald wieder auf den Weg und fuhren an der Süd- und Westküste der Insel entlang wo wir immer wieder anhielten um uns verschiedene Aussichtspunkte anzusehen. Über Praia do Vitoria im Westen der Insel, wo wir einen kleinen Mittagsstopp machten ging es weiter zur Steilküste im Norden. Hier kletterten wir zum Rand der Klippe und beobachteten eine ganze Zeit lang wie die Brandung gegen die hohen Steilwände klatschte. Davon bekommt man nie genug! Auch an ein paar natürlichen Pools verbrachten wir eine ganze Weile, denn auch hier war das Schauspiel der heranrollenden und sich brechenden Wellen wieder mal faszinierend.

Auf dem Rückweg nach Angra hielten wir noch mal beim Continente um unsere Vorräte für die Überfahrt nach England wieder aufzustocken und nach einem weiteren großartigen Abendessen ging es zurück zur Krassy.

Heute haben wir unseren kleinen Mietwagen wieder abgegeben und nach langem Überlegen haben wir entschieden morgen zur Insel Sao Jorge weiterzufahren. Der Wind ist ziemlich schwach, was nicht so ideal ist, aber von dort aus sind wir nah an Horta dran und können entweder mit der Fähre übersetzen oder doch noch mit der Krassy nach Horta fahren. In Velas auf Sao Jorge soll der Hafen allerdings deutlich schöner sein und so recht begeistert sind wir nicht in Horta im Päckchen zu liegen, deshalb scheint uns dieser Kompromiss eine gute Möglichkeit zu sein um noch zwei weitere Inseln besuchen zu können.

-Steffi