Wie uns der Brexit einen Windgenerator bescherte

Die Vorgeschichte

Das nächste Projekt zum Thema Stromerzeugung dreht sich um Windenergie. Dass wir einen Windgenerator haben wollen, stand schon recht früh fest. Die Frage ist nur: Welchen? Hier gibt es auch eine breite Skala von / bis. Los geht das mit Kleinstturbinen, die zur reinen Ladungserhaltung dienen, wenn das Boot einsam im Hafen oder an einer Boje hängt und endet bei riesigen Mörderteilen mit Rotordurchmessern über 1,20 und ordentlich Leistung. Wir mussten uns nun entscheiden, an welchem Ende der Skala wir uns am ehesten wiederfinden würden. Lange waren wir auf die großen 400W-Generatoren (SilentWind, SuperWind) eingeschossen. Vor allem der Silentwind erscheint wie ein modernes, durchdachtes Produkt.

Allerdings haben diese Generatoren auch einige Nachteile. Erst einmal sind sie nicht gerade ein Schnäppchen. Für Generator, Laderegler, Mast und Beschläge sind ganz schnell mehr als 2000€ über den Ladentisch gegangen. Dann gehören die beiden oben genannten dreiflügligen Generatoren zu den Schnellläufern. Hier erreichen die Flügelspitzen bis zu 400 km/h. Das ist nicht nur laut, sondern auch gefährlich. Ein Mast müsste dann so hoch sein, dass es auch bei ausgestrecktem Arm quasi unmöglich wäre, versehentlich in den Generator zu greifen. Und dann verfolgen die Hersteller unterschiedliche Strategien, wenn es darum geht, überschüssige Energie loszuwerden. So müssen zum Teil große Lastwiderstände verbaut werden, die überschüssige Energie in Wärme umwandeln.

So stellten wir uns die Frage, ob wir wirklich so einen großen Generator brauchen. Mit unseren Solarpaneelen decken wir ja schon einen ordentlichen Grundbedarf ab. Und das Gegenmodell zu den schnell laufenden, dreiflügligen Generatoren sind die im Vergleich langsamer laufenden, sechsflügligen Generatoren. Hier ist die britische Firma Marlec mit ihren Rutland-Generatoren der Platzhirsch. Sie haben einen kleinen 50cm-Generator im Angebot, der aber nur für Ladeerhaltung taugt, und einen größeren 90cm-Generator, der bezüglich der Leistung recht ordentlich erscheint und in den Tests verschiedener Fachzeitschriften auch nicht schlecht abgeschnitten hat.

Der soll langsamer laufen und daher weniger Gefährdungspotenzial bieten, weniger Lärm machen, und lädt bei 12kn Wind schon mit 2A (letztendlich zählt ja die Leistung bei schwächerem Wind, und nicht die bei Sturm, die gerne beworben wird). Diese Turbine ist, wenn sie läuft, auch gefährlich. Aber im Zweifel ist der Finger dann vielleicht nur gebrochen, und nicht gleich ab…

Nun liebäugelten wir also mit dem Rutland 914i. Der ist ein gutes Stück preisgünstiger, und bei unseren englischen Freunden sehr preiswert zu haben. Wir fanden einen Ausrüster in England (die Force 4 Chandlery – in etwa vergleichbar mit AWN bei uns), der den Generator mit Laderegler und Mast für umgerechnet knapp 1000€ im Angebot hatte. Das aktuelle politische Tagesgeschehen spielte uns dabei in die Hände; wir schrieben nämlich den Juni 2016 – kurz vor der Brexit-Abstimmung. Die Märkte waren nervös, das Pfund schon länger auf niedrigem Niveau. Das wollten wir nutzen, um ein echtes Schnäppchen zu machen! Unsere Überlegung: Die werden ja wohl nicht für den Brexit stimmen. Danach steigt der Kurs des Pfunds sicher wieder sprunghaft an, also müssen wir kurz vor der Abstimmung bestellen.

Und so taten wir es. Wir bestellten den Generator am Tag vor der Brexit-Abstimmung und haben im Vergleich zum Kauf in Deutschland gut 200€ gespart. Nun ja, das Ergebnis der Abstimmung ist ja nun wohl bekannt. Hätten wir einen Tag später bestellt, hätten wir noch einmal 100€ gespart. Hätte, hätte, Fahrradkette… So ist das mit Spekulationen an den Finanzmärkten.

 

Die Montage

Nun hatten wir also unseren Generator. Das einzige, was noch fehlte, waren Rohre für die Verstagung, und Beschläge, mit denen wir sie an Deck befestigen können, ein paar Schrauben und ein bisschen Kabel. Wir überlegten kurz, ob wir den Mast von Profis stellen lassen sollten, denn der muss ja auch richtig stabil stehen. Wir hatten jedoch gerade im Winterlager einige Erfahrungen mit den „Profis“ gemacht (ich sag‘ nur: Seeventile. Ein Drehschieber am Klo, überall abgeknickte Schläuche, ewiges Hin- und Her „kann ich nicht entscheiden, muss ich mit dem Meister klären“, usw).

Also wurde wieder ein Bastelprojekt gestartet. Die erste Frage lautete: Wohin mit dem Ding? Am Heck an Steuerbord war schnell klar, denn an Backbord steht ein kleiner Antennenmast. Am Besten so weit nach außenbords wie möglich, aber was, wenn man mal in einer Schleuse steht oder an einer hohen Spundwand? Dann könnte der Generator schnell zerlegt werden. Also ein Stück nach mittschiffs rücken. Aber nicht zu weit, immerhin müssen wir eine der Streben nach Backbord führen, und das ist ein schlankes Heck.

Und wohin verstreben? Klar, einmal nach vorne und einmal nach Backbord. Wo aber genau die Streben verankern? An Deck wäre baulich am einfachsten gewesen. Aber dann hat man erstens wieder ein paar Stolperfallen geschaffen, und zweitens zusätzliche Löcher im Deck, die ordentlich abgedichtet werden wollen. Und da der Hauptmast ja schon an Deck steht und ein paar große Löcher erfordern würde, wollten wir nicht noch mehr davon haben.

So kam uns die Idee, die Verstrebungen auf die Teakleiste am Süll zu führen. Unter der Teakleiste liegt die Rumpf-Deck-Verbindung. Die ist laminiert, und wenn man unten in der Achterkoje sämtliche Wand- und Deckenverkleidungen abnimmt, sogar erreichbar.

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Die nackige Achterkabine

Allerdings formt sie von unten gesehen eine Art Rinne. Wenn wir von oben Bohrungen setzen, kommen wir unten im Scheitel der Rinne raus. Keine ideale Kraftaufnahme, wenn wir hier eine Konterplatte und Muttern platzieren wollen. Also kam uns die Idee, diese Rinne an den betreffenden Stellen so aufzufüllen, dass wir eine plane Fläche erhalten, auf der wir die Aufnahmen für die Streben gut festschrauben können. Das Auffüllen wollten wir durch laminierte Füllstücke realisieren (mit Glasfasermatte und Expoxidharz).

Wir hatten also einen Plan und konnten langsam loslegen. Zunächst montierten wie die Aufnahme für den Mast an Deck. Der ist mit 4 Schrauben fest, die durch das Deck geführt werden. Hier muss beachtet werden, dass wir ein Sandwich-Deck haben. Wenn wir hier nur durchbohren und dann die Muttern anziehen, drücken wir den Schaumkern platt. Das ist Mist. Wir mussten die Bohrungen also verstärken (ganz nach Lehrbuch). Zunächst wird größer als benötigt vorgebohrt. Dann wird mit einem umgebogenen Nagel in der Bohrmaschine im Bereich um die Bohrungen so viel Sandwichkern entfernt wie möglich. Nun klebten wir die Löcher von unten ab und gossen sie mit Epoxy auf. Als das ausgehärtet war, konnten wir die benötigten Löcher neu bohren. Die Schrauben verlaufen dann in einer Epoxy-Hülse, die stabil genug ist, um die Muttern richtig fest anzuziehen. Das ganze dichteten wir von oben mit Sika ab. Unten legten wir eine Gummiplatte zur Dämpfung unter, darauf eine Edelstahlplatte zum Kontern und dann schraubten wir die Mastaufnahme fest. Superstabil!

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Der montierte Mastfuß von unten (verschwindet nachher unter der Deckenverkleidung)

Nun konnten wir den Mast gerade stellen und genau planen, an welcher Stelle die Verstagungen auf der Teakleiste befestigt werden müssen. Wir bohrten hier die Löcher für die Montage vor, um unten sehen zu können, wo wir überhaupt raus kommen und wo unser Laminat-Stopfen am Ende hin muss. Dann ging es ans Laminieren. Zunächst schnitten wir uns Glasfasermatten so zusammen, dass sie, aufeinandergelegt, die Rinne an der Rumpf-Deckverbindung gut füllten. Dann wurde von unten nach oben nass in nass laminiert.

Erst eine Plastikfolie, dann Abreißgewebe, und dann die Glasfasermatten. Dieses Vergnügen hatte Steffi. Ich durfte dann die fertigen Teile an Ort und Stelle bringen, ordentlich festdrücken und mit allem, was dafür hilfreich erschien, fixieren, in der Hoffnung, dass uns das Ganze nicht wieder runterkommt und wir am nächsten Tag Epoxid-Stalagtiten vorfinden würden.

Am nächsten Tag war alles soweit ausgehärtet, dass wir weitermachen konnten. Das Abreißgewebe ging gut ab, und offenbarte den Blick auf unser Machwerk: Gar nicht mal so schlecht geworden. Bisschen Nachschleifen und gut war. Wir konnten die vorgebohrten Löcher für die Schrauben nun durchbohren, wieder Edelstahlplatten für eine flächigere Kraftaufnahme einpassen, und die Aufnahmen für die Streben montieren. Wenig später stand dann auch schon der Mast.

Die Verkabelung lief im Prinzip problemlos. Durchführung bohren, Kabel verlegen, Regler anschließen. Wenn man das halbwegs sorgfältig macht, ist dabei aber auch wieder ein ganzer Tag vergangen. Am Ende den Windgenerator aufsetzen und das war’s. Naja, so einfach war das dann nicht mit dem „Windgenerator aufsetzen“. Ich musste das schwere Ding über Kopf halten, während Steffi den Anschluss macht und abdichtet, und dann musste sie „nur“ das überschüssige Kabel in den Mast stopfen. Als das nicht  so recht funktionierte, und meine Kräfte nachließen, musste der Anschluss hastig  wieder gelöst werden, damit ich das Monster endlich ablegen konnte. Dann ging das durch ein paar weitere erfolglose Iterationen, die nicht gerade zu einer besseren Stimmung beitrugen. Wären wir verheiratet gewesen, wäre wohl früher oder später das Wort „Scheidung“ gefallen. Am Ende musste ich einsehen, dass sich Steffi nicht dämlich angestellt hat (wie zunächst angenommen), sondern dass es einfach nicht geht, die dicke Gummileitung in den Mast zu stopfen (Reibung und so). Also mussten wir die sorgfältig eingeplante Kabelreserve unten aus dem Mast ziehen, durch die Kabeldurchführung hindurch  unter Deck schieben und unter der Deckenverkleidung der Achterkabine verstecken. Das ist blöd, denn jedes Mal, wenn wir den Generator abbauen (im Winterlager zum Beispiel), müssen wir die halbe Achterkabine auseinander nehmen, um die Kabelreserve wieder rauszuholen.

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Der Laderegler des Rutland hat neben dem Solar-Regler seinen Platz gefunden

Unsere erste Testfahrt mit dem Generator zeigt auch gleich eine ordentliche Ladeleistung und zusätzlich gab es kostenlos in der Achterkabine ein wenig Monaco-Feeling – also Rennstrecke Monaco. Unser super-leiser Generator machte ordentlich Alarm während er lief…  Die ersten Versuche, an alle möglichen Kontaktstellen Gummimatten zu stopfen, half zwar ein bisschen, aber letzten Endes war es immer noch ganz schön laut. Im Winterlager haben wir also noch mal die Chance ergriffen und 3 selige Stunden damit zugebracht, eine kompakte Schaumstoffplatte in kleine Schnipsel zu schneiden und diese in die Streben zu stopfen. In den Mast haben wir von unten so weit es ging auch noch Schaumstoff gesteckt und siehe da, es ist ein bisschen leiser geworden. Unsere ursprüngliche Vorstellung, man würde von dem Ding fast nichts hören, war wahrscheinlich auch mehr bescheidener Wunsch als Realität.

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Da ist das gute Stück – frisch montiert.

Jetzt kann die Turbine erst einmal ein Jahr lang stehen bleiben und uns hoffentlich ordentlich mit Strom versorgen. Wie viel  er am Ende beiträgt, wird sich zeigen. Wenn er auf der Passatroute im Schnitt 1-2A liefert, geht die Verbrauchsrechnung zusammen mit den Solarpanels schon halbwegs auf. Wir sind jedenfalls sehr zuversichtlich, dass wir jetzt, zumindest was die Stromerzeugung angeht, gut für die Reise gerüstet sind!

-Christian

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