Die zwei Gesichter der Nordsee

17.07.2018

Die letzten Tage blieb die Krassy im Hafen  von Breskens. Die blöde Ostwindlage gewährte uns kein Weiterkommen, aber großartiges Wetter. Und wir haben das Beste daraus gemacht: Wir haben es genossen. Wir mieteten uns ein paar Fahrräder und fuhren viel in der Gegend rum, machten Ausflüge nach Cadzand und Vlissingen, Steffi freute sich wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum, als sie endlich mal wieder ihr holländisches Lieblingsgeschäft, den Action Markt, besuchen konnte, ich versuchte vergebens, einen fossilen Haifischzahn zu finden, wir genossen die Sonne, schliefen aus und gönnten uns das eine oder andere gute Essen und / oder Kaltgetränk.

Gestern hatten wir noch spontanen Besuch aus der Heimat. Langjährige Freunde meiner Familie sind häufig in Breskens und Umgebung unterwegs und auch zufälligerweise gerade vor Ort. So wurden sie kurzerhand auf einen Drink auf die Krassy eingeladen, es gab eine kleine Bootsführung, wir klönten etwas, und freuten uns über die nette Abwechslung.

Heute sollte das aber mal wieder weiter gehen. Die Wettervorhersage versprach uns südwestliche bis westliche Winde 4-5, und zumindest bis jetzt wurde dieses Versprechen auch eingelöst. Der unerbittliche Takt der Gezeiten zwang uns wieder früh aus dem Bett, bereits um halb sieben haben wir unseren Liegeplatz verlassen. In der Westerschelde gibt es enorme Gezeitenströme, mit denen man sich nicht anlegen will. Und es ist noch Springzeit. So konnten wir die Westerschelde entspannt queren, und langsam setzte auch der versprochene Wind ein. Allerdings lag noch etwas Arbeit vor uns. Bevor wir auf einen entspannten Vorwindkurs abdrehen konnten, mussten wir noch an Westkapelle vorbei. Das erfolgte hart am Wind und war ein heißer Ritt. Das Oostgat (das Fahrwasser dort) ist tief und von Land und Sandbänken gesäumt. Strömungstechnisch geht hier die Luzi ab – und wir mittendrin. Mit bis zu 10.5 Knoten über Grund rannte die Krassy wie eine Wahnsinnige – und wurde dabei böse durchgeschüttelt. Wir hatten nämlich eine klassische Wind-gegen-Strom-Situation, die aus dem Oostgat einen echten Hexenkessel gemacht hat. Innerhalb kürzester Zeit war die Krassy von außen wie von innen nass und salzig.

Nach einer knappen Stunde konnten wir endlich die ersehnte Kursänderung durchführen, und plötzlich waren wir in freiem Wasser und uns war bestes Sommersegeln beschert. Wenig später stand unser bewährtes Dreier-Setup und wir rauschten nach Nordosten.

Stressig wurde es noch einmal vor der Hafeneinfahrt von Rotterdam. Als hätten die Schiffe alle gewartet, bis wir da sind, staken wir plötzlich mitten im der ein- und auslaufenden Großschifffahrt. Blöd war, dass wir mit unserem Dreier-Setup nur sehr schlecht manövrieren können. So haben wir uns zwar etwas gestresst, aber erfolgreich durchlaviert. Das Seegebiet wird übrigens überwacht. Man meldet sich per Funk bei „Maas Entrance“ an, und bekommt dann Anweisungen, wie man welchem Fahrzeug aus dem Weg zu gehen hat.

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Begegnung mit Til(l) Jacob

Nun befinden wir uns vor Scheveningen und haben noch ca. 20sm vor uns. Eigentlich wollten wir dort rein, weil das ein netter Ort ist, man schnell in Den Haag ist, und wir wohl wieder ein paar Tage liegen blieben müssen. Zufälligerweise hatten wir aber gestern noch herausgefunden, dass der Hafen wegen einer Großveranstaltung derzeit für Gastyachten gesperrt ist – na super, ausgerechnet. Also geht’s weiter bis Ijmuiden. Der Wind soll zum Abend nachlassen, und irgendwann kippt auch wieder die Strömung gegen uns. Aus der Befürchtung heraus, dass wir dann vor der Hafeneinfahrt verhungern könnten, wollten wir es eigentlich vermeiden, Ijmuiden direkt anzulaufen. Aber noch läuft’s, und die letzten Wetterberichte versprechen uns auch noch etwas Wind bis in die Nacht.

Dort  haben wir dann zwei Optionen: Entweder das Wetter meint es gut mit uns, und wir können weiter in Richtung Hamburg segeln. Oder eine Änderung ist nicht in Sicht. Dann könnten wir versuchen, binnen über Amsterdam nach Warns zu gelangen, unserem Heimathafen für viele Jahre mit der „Laughing Jack“. Dort könnte dann der Motor repariert und die Krassy für den Winter eingemottet werden.

Wir werden sehen, was passiert. Noch hoffen wir auf Hamburg, aber dafür bräuchten wir zumindest 48 Stunden stabiles Westwetter – und das ist momentan nicht in Sicht.

-Christian

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Vakantie in Nederland

12.07.2018

Als aller erstes müssen wir mal ein dickes fettes DANKESCHÖN an euch aussprechen! Nach unserem letzten Blogbeitrag haben wir so viele Nachrichten und Anrufe von Freunden, Kollegen und Familie bekommen wie bisher noch nie. Alle haben uns aufgemuntert, Unterstützung angeboten, hilfreiche Tipps gegeben oder die Daumen gedrückt. Jede einzelne Nachricht war ein kleiner Segen und hat uns unsäglich geholfen! Ihr seid die Besten!!!

Vorgestern haben wir es noch mal gewagt und den Hafen von Nieuwpoort verlassen. Als morgens früh unser Wecker klingelte war die erste Reaktion „Nä! Kein Bock auf Segeln!“. Nach kurzem Überlegen war aber doch klar, dass das unsere Chance wäre und wenn nicht heute, dann erst mal gar nicht. Wir zogen also noch am Steg das Großsegel hoch und starteten den Motor zum Ablegen. Ein Stückchen konnten wir noch im Zufahrtskanal zum Hafen segeln, allerdings stand die Strömung dort gegen uns und der Wind wehte mehr oder weniger von vorne. Wohl oder übel musste der Motor also noch mal helfen und so ließen wir ihn quälende 25 Minuten sehr sehr vorsichtig mitschieben. Im Motorraum blieb aber alles normal und sobald wir die Mole passiert hatten wurde gesegelt.

Am Anfang lief es noch ein wenig schleppend, denn die Wellen bremsten uns immer wieder aus, aber nach und nach legte der Wind zu und wir rauschten mit der Strömung fix auf unser Ziel zu. Die Nordsee präsentierte sich ganz Nordsee-mäßig ungemütlich, es war ziemlich kalt und grau und der Wind kam zumindest auf der ersten Hälfte der Strecke mehr von vorne als vorhergesagt. Trotzdem war es eigentlich herrliches segeln, zumindest wenn man gut in Ölzeug eingepackt war und weil wir wussten, dass wir abends im Hafen ankommen würden. Als wir Zeebrügge passiert hatten konnten wir mehr Halbwind fahren und es wurde zwar segeltechnisch etwas entspannter, aber dafür legte der Verkehr zu. Christian war ein wenig nervös, denn wir sind es nicht mehr gewohnt so dicht die Großschifffahrt zu passieren. Auf dem Atlantik bekommt man schon einen Schrecken, wenn man ein anderes Schiff in einem Abstand von 10 Meilen entdeckt, aber hier ist es ganz normal selbst mit den dicken Pötten nur einen CPA (closest point of approach, den kleinstens Abstand in dem man passiert) von unter einer Meile zu haben.

Mit nur leichter Gegenströmung aber mittlerweile ordentlich Wind erreichten wir Breskens und obwohl uns direkt vor der Hafeneinfahrt doch tatsächlich noch ein Frachter direkt vor der Nase ebenfalls in den Hafen fuhr, erreichten wir die Einfahrt ganz gut unter Segeln. Dann musste aber noch mal der Motor ran, denn mit so viel Wind hätten wir auf keinen Fall vernünftig anlegen können. An einem langen und völlig freien Steg schafften wir es trotz meines Manövers mit viel zu viel Fahrt im Boot heile anzulegen. Total durchgefroren machten wir es uns erst mal unter Deck gemütlich und wärmten uns ein wenig auf bevor wir abends in den Ort spazierten um uns ein Abendessen zu gönnen.

Die Ankunft in Holland war wie ein riesiges Gewicht, das von unseren Schultern fiel, auch wenn wir genau genommen nicht allzu viel näher an die Heimat gekommen sind. Aber obwohl wir morgens noch mit uns gehadert hatten und die Überfahrt doch etwas anstrengend war, war es absolut richtig, dass wir gefahren sind. In dem Wissen, dass wir nun auf jeden Fall ein paar Tage oder vielleicht sogar ein paar mehr, hier bleiben müssen, machen wir jetzt Urlaub. Es bleibt uns ja auch erst mal nicht viel anderes übrig.

Am nächsten Morgen schliefen wir endlich mal wieder nach einer richtig guten Nacht ordentlich aus, ganz nach dem Grundsatz „Wer einatmet muss ausatmen – wer einschläft muss ausschlafen“. Erholt wie seit Wochen nicht mehr belohnten wir uns mit einem ausgedehnten Pfannkuchenfrühstück und einer heißen Dusche und drehten danach eine Runde durch den Ort. Der Ausrüster und auch der Fahrradverleih hatten zwar geschlossen und auch einen Segelmacher gibt es hier leider nicht, aber wir haben ja noch ein bisschen Zeit. Wir fanden eine richtig nette Strandbar in der dann auch echtes Urlaubsfeeling aufkam während wir die spielenden Kinder am Strand beobachteten. Auf dem Rückweg gab’s für Christian noch den obligatorischen Hollandse Nieuwe und den Rest des Nachmittags bekam dann die Krassy noch mal ein wenig Pflege.

Heute mieteten wir uns wie geplant zwei Fahrräder. Eine bessere Möglichkeit sich in Holland fortzubewegen gibt es einfach nicht! Mit den super Hollandrädern (ich würde mein am liebsten nicht mehr zurück geben!) fuhren wir dann zur Fähre und über die Westerschelde nach Vlissingen. Der Ort ist deutlich größer als Breskens und vor allem gibt es hier eine Action-Filiale! Das ist mein absoluter Lieblingsladen, nur leider gibt es noch immer keine Filiale in Hamburg. Ich durfte mich dort ein wenig austoben und total happy über den gelungenen Einkauf setzten wir uns anschließend in ein richtig nettes Café in die pralle Sonne. Dort hätten wir fast den ganzen Nachmittag verbummelt, aber irgendwann rafften wir uns doch noch zu einer Runde durch das hübsche Städtchen auf. Vlissingen ist wirklich schön und bei dem phantastischen Wetter das wir im Moment haben konnten wir unseren kleinen Ausflug so richtig genießen! Genau so einen Tag haben wir mal wieder gebraucht!

Auch morgen haben wir noch unsere Fahrräder und momentan sieht es so aus als würden wir auch noch ein paar Tage länger bleiben müssen. Morgen wollen wir erst mal nach Cadzand, dort hat Christian als Kind Urlaub gemacht und er erzählt immer wieder mit strahlenden Augen, dass man dort Haifischzähne am Strand finden kann. Ihr könnt also mal raten, was wir morgen machen…

Wie sich das Wetter entwickelt ist im Moment schwer zu sagen. Die Windvorhersagen scheinen sich mit jedem neuen Update wieder völlig zu verändern. Wir hoffen in den nächsten Tagen eine Möglichkeit zu bekommen zumindest bis nach Scheveningen oder Ijmuiden zu kommen, dafür brauchen wir den Wind aber nicht nur aus der richtigen Richtung, sondern auch in der richtigen Stärke und das auch für mehr als nur ein paar Stunden. Bis dahin machen wir das Beste aus der Situation und genießen die Zeit, denn es gibt deutlich schlechtere Orte an denen man auf ein Wetterfenster warten kann.

Vielleicht noch ein Wort zu unserem Motor: wir haben uns vorerst dagegen entschieden ihn hier in Holland reparieren zu lassen. Alle mit denen wir zu diesem Thema gesprochen haben sind sich darin einig, dass er höchstwahrscheinlich noch gut bis nach Hause durchhalten wird wenn wir ihn sehr vorsichtig benutzen und das tun wir. Sollten wir jemanden finden, der alle Teile vorrätig hat würden wir uns das noch mal überlegen, aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass es hier so einen Mechaniker gibt, denn der Motor ist eben alt. In Hamburg könnten wir die ganze Reparatur entspannter angehen und die letzten Etappen haben unser Vertrauen in die alte Kiste auch wieder ein wenig aufgewärmt.

-Steffi

Is this the end, my friend?

09.07.2018

Ja, richtig gelesen. Unsere Reise hat in den letzten Tagen eine dramatische Wendung genommen und wir haben ein wenig Zeit gebraucht um die neue Situation zu akzeptieren und einen Silberstreif am Horizont zu sehen. Deshalb schreiben wir auch erst jetzt wieder.

Aber von vorn: kurz nachdem wir unseren letzten Blogbeitrag auf der Überfahrt von den Kanalinseln nach Frankreich hochgeladen hatten passierten wir Boulogne-sur-Mer. Da unser Motor nun schon seit geraumer Zeit lief und ja auch in den letzten beiden Wochen ungewöhnlich stark beansprucht wurde, machte Christian etwas häufiger Kontrollen im Motorraum. Dazu gehört zum Beispiel zu prüfen ob der Wärmetauscher und das Impellergehäuse die richtige Temperatur haben, ob irgendwo Flüssigkeit ausläuft, der Keilriemen richtig läuft etc. Ein Teil dieser Routinekontrolle ist es auch zu prüfen, ob der Füllstand der Kühlflüssigkeit des inneren Kühlkreislaufs im Überdruckbehälter stimmt. Hierfür leuchtet man einfach mit einer Taschenlampe gegen den halbdurchsichtigen Kunststoffbehälter und kann die blaue Kühlflüssigkeit gut erkennen.

Bei der Kontrolle vor Boulogne stellte Christian an eben dieser Stelle fest, dass der Füllstand im Überdruckbehälter nicht so recht erkennbar war, als wäre der bis oben hin gefüllt. Wir kuppelten den Motor also aus und ließen ihn ein wenig abkühlen. Ein zweiter Blick zeigte, dass der Füllstand wieder passte, also fuhren wir weiter. Einzig fiel auf, dass die Flüssigkeit nicht mehr so recht blau, sondern eher trübe aussah, aber sie ist auch schon eine Weile im Kühlkreislauf, also beunruhigte uns das nicht weiter.

Unser Motor arbeitete danach zunächst so zuverlässig weiter wie immer. Die Temperatur stimmte, die Geräusche waren wie immer und die Abgase zeigten keine Veränderung in der Farbe oder dem Geruch. Kurz nachdem wir in der recht starken Strömung Calais passiert hatten schaute Christian dann noch mal in den Motorraum und bekam einen ordentlichen Schrecken. Oben aus dem Überdruckbehälter quoll braun verfärbtes Wasser und ergoss sich großzügig über den Motorblock! Sofort stellten wir den Motor also aus und zogen die Segel hoch, denn wir fuhren gerade auf die ersten Tonnen des Fahrwassers nach Dünkirchen zu. Als der Motor aus war sprudelte es erst so richtig los, es war also offenbar zu viel Flüssigkeit im Kühlkreislauf.

Da wir zum Glück noch 2 Knoten Strömung von hinten hatten kamen wir trotz des sehr mauen Windes einigermaßen gut voran. Nach Calais konnten wir allerdings nicht mehr umkehren, dafür war die Strömung zu stark und bis Dünkirchen lagen noch etwa 15 Seemeilen vor uns. Ein großes Frachtschiff, das von hinten aufkam als wir gerade genau in der Mitte des Fahrwassers herumdümpelten funkten wir an und der Frachter wich sofort aus. Man hilft sich eben unter Seeleuten!

Da wir mit der Situation in unserem Motorraum erst mal überfragt waren rief Christian sofort unseren Freund Jens von der Walross 2.1 in Lübeck an. Jens kennt sich mit Motoren sehr gut aus und hat uns schon mehr als einmal großartig geholfen! Vielen lieben Dank noch mal, Jens! Er konnte uns ein wenig beruhigen, denn nachdem wir ihm die Lage erklärt hatten tippte er auf eine kaputte Zylinderkopfdichtung, gab uns ein paar Tipps wonach wir schauen sollten und empfahl den Motor nur wenn nötig und dann recht vorsichtig zu benutzen, solange er weiterhin nicht überhitzte oder andere Symptome zeige, der Ölstand okay wäre und kein Wasser im Öl zu sehen sei. Nach unserem Gespräch rief er sogar noch den Werkstattmeister seiner Firma an, der ebenfalls auf eine kaputte Zylinderkopfdichtung tippte und einen ähnlichen Rat gab.

Der Motor hatte also nun erst mal Sendepause und für uns war das zunächst dringendere Problem in Dünkirchen anzukommen, denn der Wind sollte immer schwächer werden und zwangsläufig würde auch bald die Strömung kippen. Noch dazu wurde es langsam immer dunkler. Zum Glück hatte aber genau in diesem Moment irgendjemand dort oben Einsicht mit uns und schickte uns wie aus dem Nichts von einer Sekunde auf die andere genügend Wind, dass wir einigermaßen schnell voran kamen! Das war ein Segen, auch wenn wir uns noch bis etwa ein Uhr morgens im Fahrwasser gegen die Strömung hochkreuzen mussten.

Für die letzte Meile vor der Hafeneinfahrt riskierten wir es dann doch noch mal den Motor zu starten und kontrollierten praktisch im Minutentakt ob sich wieder braune Soße aus dem Überdruckbehälter drückte oder die Temperatur anstieg. Bei niedriger Drehzahl schoben wir uns vorsichtig hinter die Mole und alles blieb normal im Motorraum. Dann segelten wir im Schneckentempo bis fast in den Hafen hinein und starteten den Motor noch ein weiteres Mal für ein Anlegemanöver. Völlig fertig kramten wir danach nach langer Zeit mal wieder eine Flasche Port aus unserem Vorrat und genehmigten uns ein Gläschen für die Nerven! Dazu gab’s Schokolade, denn außer einer Dose Ravioli (die erste und einzige auf dieser Reise!), hatten wir auch nicht wirklich Zeit oder Muße zum Essen gehabt… Wir fielen völlig fertig ins Bett mit dem Gefühl, dass unsere Reise möglicherweise ausgerechnet hier in Dünkirchen nun wohl für uns enden würde.

Normalerweise bin ich bei uns immer diejenige, die in Krisensituationen die Moral aufrecht erhält. Ich versuche die Dinge immer positiv zu sehen und während Christian die schwärzesten Szenarien entwirft versuche ich den Silberstreif am Horizont nicht aus den Augen zu verlieren. Diesmal war es andersrum, denn die reelle Möglichkeit, dass das großartigste Jahr unseres Lebens in dieser Stadt und in diesem Land, so kurz vor dem Ziel und nach der Plackerei der letzten Wochen enden sollte war einfach zu viel für mich. Dünkirchen war nun wirklich die hässlichste Stadt, die wir im ganzen letzten Jahr gesehen hatten und gerade hier sollten wir unsere Atlantikrunde für gescheitert erklären müssen?! Seit wir die Azoren verlassen haben schien alles schief zu laufen: erst der Gegenwind, der Umweg über Spanien, das nervige motoren über die Biskaya und dann nach nur einer kurzen und wenig erholsamen Nacht auf Guernsey wieder eine endlos lange Motoretappe. Auf den letzten 13.000 Seemeilen ist fast nichts an der Krassy kaputt gegangen und selbst Christian hatte ganz langsam angefangen dem alten Motor richtig zu vertrauen. Dieses Boot, das wir so sehr lieben und dem wir immer vertraut hatten hatte uns nun doch noch im Stich gelassen. Gerade hatten wir uns noch gefreut, dass wir ab Dünkirchen nur noch in Tagesetappen weiterfahren würden und die endlosen Nachtwachen endlich ein Ende hätten und nun das! Das Schlimmste an allem war aber das Gefühl gescheitert zu sein. Diese Reise sollte in Hamburg enden, denn dort hat sie auch begonnen. Die Atlantikrunde hatten wir zwar genau genommen in La Coruna bereits beendet, denn dort haben wir unseren eigenen Kurs gekreuzt, aber unser Ziel ist Hamburg.

Naja, ihr könnt euch also in etwa vorstellen, welche Stimmung über der Krassy lag… Aber Christian war wie immer toll! Er versuchte mich aufzumuntern und kümmerte sich darum einen Mechaniker an Bord zu holen, der mit sehr viel Glück vielleicht den Schaden doch noch beheben könnte. Tatsächlich schaffte er es einen Mechaniker zu finden. Der Hafenmeister hatte da wohl einen guten Freund, der Bootsmotoren repariert und obwohl Wochenende war rief er den sofort an und er erklärte sich bereit sich die Sache mal anzusehen. Ein knappes Stündchen später war der gute Mann da und der Hafenmeister war mitgekommen um zu übersetzten (ein weiteres Problem in dieser blöden Situation, die Franzosen sprechen katastrophal schlechtes Englisch und unser Französisch reicht bei weitem auch nicht aus für so eine Situation…).

Reparieren konnte der Mechaniker unseren Schaden nicht, aber wie schon Jens und sein Werkstattmeister stellte auch er fest, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine kaputte Zylinderkopfdichtung handelt. Die Reparatur, so teilte er uns mit, wäre sehr aufwändig und würde mehrere Tage dauern. In Dünkirchen könnte sie frühestens Mitte August gemacht werden, denn alle Mechaniker sind zur Zeit mehr als ausgelastet und zudem ist auch noch Urlaubssaison. Er empfahl uns darauf zu achten, dass immer genügend Öl im Motor sei und da bisher kein Wasser im Öl ist und die Temperatur nicht über Normal ansteigt bestätigte auch er, dass man den Motor noch vorsichtig weiternutzen könnte. Zudem zeigte er uns wie wir das mit Öl verdreckte Kühlwasser ablassen und den inneren Kühlkreislauf spülen könnten. Auf diese Weise können wir zumindest verhindern, dass irgendwann nur noch Öl im Kühlkreislauf ist und zudem sehen wir schnell ob neues Öl nachgelaufen ist.

Für seine Zeit und seine Expertenmeinung wollte der gute Mann dann noch nicht einmal eine Gegenleistung haben also gaben wir ihm eine kleine Aufwandsentschädigung und schenkten ihm noch eine Flasche Wein von den Azoren (auch wenn die Franzosen ja selbst gute Weine haben sollen wie man hört…).

Meine Stimmung heiterte sich nach dem Besuch des Mechanikers kaum auf. Die Situation war die gleiche, denn da noch immer hartnäckig Nordost-Wind für die nächsten beiden Wochen vorhergesagt war würden wir wohl trotzdem in Dünkirchen festhängen. Würde doch wenigstens mal für 24 Stunden der Wind drehen! Dann könnten wir uns zumindest nach Holland retten wo wir uns verständigen können und bessere Chancen auf eine Reparatur hätten!

In den Wettervorhersagen zeichnete sich ab, dass es am Montag und Dienstag kurzzeitig zumindest Nordwind geben sollte. Das wäre für die nächsten Wochen offenbar unsere einzige Chance Dünkirchen zu verlassen und mit viel Glück bis nach Breskens im Süden Hollands zu kommen.

Den Sonntag mussten wir wohl oder übel also noch in Dünkirchen bleiben und mit weiterhin abgrundtief schlechter Laune widmeten wir uns – mal wieder – der Pflege der Krassy. Die Polster im Salon haben so viel Salzwasser abbekommen, dass sie einfach nicht mehr richtig trocknen und langsam anfangen zu müffeln und das Epoxy mit dem wir auf den Kanaren den Sprung in unserem Waschbecken notdürftig gekittet hatten wurde immer dunkler und ekliger. Die Krassy hat auf dieser Reise unbestreitbar gelitten und wenn man ohnehin schon mies drauf ist, dann neigt man auch dazu sich die vielen offenen Baustellen noch viel deutlicher vor Augen zu führen. Auch hier erlebten wir verkehrte Welt, denn normalerweise ist es Christian, der laut überlegt, dass man hier eigentlich gar nicht weiß wo man anfangen soll zu reparieren und zu erneuern. Diesmal wuchsen mir die vielen offenen Projekte über den Kopf, vor allem weil ich nach dem ganzen Stress langsam das Gefühl bekam mal eine Pause von der Arbeit am Boot zu brauchen.

Manchmal kommt die Rettung aber ganz unverhofft. In unserem Fall kam sie in Gestalt von Matthias und Rena aus Hamburg, die vor wenigen Wochen mit ihrer 9,60 m großen Segelyacht Ningaloo auf eine ganz ähnliche Reise wie wir gestartet sind. Die beiden sind etwa so alt wie wir und wir verstanden uns auf Anhieb ziemlich gut. Schnell hatten wir uns verquatscht und luden die beiden spontan auf ein Bierchen auf die Krassy ein. Zwischen den in der Sonne trocknenden Polstern ging der Nachmittag schnell um und wir wurden fast schon ein wenig Erinnerungsseelig, denn wir erkannten die Euphorie der ersten Wochen der Reise in den beiden wieder, die wir selbst vor einem knappen Jahr erlebt hatten. Wie jeder einzelne Tag ein echtes Erlebnis ist, man unterwegs gespannt vor der Seekarte sitzt und die Meilen bis zur nächsten Landesgrenze zählt um dann schnell eine neue Gastlandflagge hochzuziehen, die Vorfreude auf die vielen großartigen Dinge die man noch erleben wird und die Angst vor den ersten langen Seeetappen. Genau so hatten wir uns doch auch gefühlt und während wir natürlich gern von unserer Reise berichteten und allerhand Ratschläge gaben fühlten wir uns schon ein bisschen wie alte Hasen… Es ist unglaublich, wie viel wir über das Segeln, das Wetter, die verschiedenen Länder und Kulturen und natürlich nicht zuletzt über uns selbst im vergangenen Jahr gelernt haben. Nichts auf der Welt kann solche Erfahrungen ersetzen!

Das Beste an dieser Begegnung war aber natürlich, dass sie uns – und besonders mich – aus dem tiefen Loch riss, dass der blöde Motorschaden verursacht hatte. Beim Abendessen an der wenig pittoresken Strandpromenade fingen wir an unsere Optionen noch mal sorgfältig abzuwägen und neue Pläne zu schmieden. Wir hätten jetzt mehrere Möglichkeiten und vielleicht gäbe es sogar eine kleine Chance die Reise doch noch in Hamburg oder zumindest in Wedel zu beenden. Wir beschlossen zunächst mal das kleine Wetterfenster zu nutzen um am nächsten Morgen früh in Richtung Breskens aufzubrechen. In Nieuwpoort sollte es eine Volvo Penta Niederlassung geben, bei der wir unterwegs anrufen wollten um nachzuhören, ob man dort einen freien Mechaniker hätte.

Gesagt getan und nach einer ziemlich schlaflosen Nacht brachen wir heute früh in Dünkirchen auf. Für unser Ablegemanöver lief der Motor nur eine knappe Minute und sobald wir vom Steg frei waren zogen wir die Genua raus und kreuzten uns aus der Zufahrt zum Hafen und hinaus ins Fahrwasser.

Wir hatten noch die große Genua aufgezogen, allerdings sollte es bis zum Nachmittag ein wenig mehr Wind geben und dann müssten wir das Segel wahrscheinlich etwas reffen. Bisher waren wir aber ganz gut besegelt und kamen in der mitschiebenden Strömung einigermaßen voran. Da wir trotzdem kreuzen mussten blieb es nicht aus, dass das riesige Vorsegel ein ums andere Mal von der einen auf die andere Seite gezogen werden musste, vor allem, da wir in dem engen Fahrwasser mal wieder nur kurze Schläge machen konnten. Und wie man so schön sagt: Wenn einmal der Wurm drin ist… Gerade als das Fahrwasser nach Norden abknickte, was für uns schwierig zu halten war, sah Christian einen Riss im Achterliek der Genua!

An dieser Stelle lernten wir noch etwas anderes: wir beiden sind ein unschlagbares Team! An einer etwas breiteren Stelle des Fahrwassers wendeten wir, hängten den Autopiloten ein und wechselten in Hochgeschwindigkeit das Vorsegel aus. Die riesige Genua wurde als großer Haufen unter Deck gestopft und innerhalb von weniger als 10 Minuten fuhren wir unseren kleinen Arbeitsfock unseren Kurs weiter. Wir haben mittlerweile so oft auf See oder im Hafen die Vorsegel getauscht, dass jeder Handgriff sitzt und wir uns beinahe ohne Worte verstehen. Das war in dieser Situation echtes Gold wert! Allerdings schoss uns natürlich trotzdem der Gedanke durch den Kopf wie viel Pech man eigentlich haben kann… Das Achterliek muss bei einer der vielen Wenden irgendwo in den Wanten leicht hängen geblieben sein und das UV-belastete Material ist dabei eingerissen. Den Riss können wir wahrscheinlich ganz gut flicken, aber allzu lange wird dieses Segel wohl nicht mehr überleben…

Mit der kleinen Fock kamen wir natürlich deutlich langsamer voran und anstatt zuzunehmen ließ der Wind immer mehr nach. Die Kreuzerei war so richtig frustrierend, denn im böigen Wind kamen wir mehr schlecht als recht voran. Zudem hatten wir bei dieser Volvo Penta Vertretung auch nach etlichen  Anrufen noch immer niemanden erreicht und in der ganzen Aufregung war auch irgendwie das Frühstück ausgefallen (ganz übel für Christian!). Wir entschieden also kurzerhand in Nieuwpoort reinzufahren. Der Hafen dort ist riesig und auch ohne Einsatz des Motors gut anzusteuern und wir könnten mal persönlich bei Volvo Penta vorstellig werden. Statt der geplanten 50 Seemeilen bis nach Breskens hatten wir also nur 15 Seemeilen geschafft, fühlten uns aber als wären wir gerade non-stop um die Welt gesegelt –gegen den Wind.

Anstatt für die Ansteuerung des Hafens wie üblich die Segel einzuholen und den Motor zu starten segelten wir also mit unserer kleinen Fock in die Hafenzufahrt und riefen auf dem Weg schon in der Marina an. Wegen unseres Motorschadens wies man uns dort einen Liegeplatz vor Kopf am Steg mit viel Manövrierraum zu, worüber wir uns natürlich sehr freuten. Die Genua blieb erst mal stehen, denn ich wollte vor dem Liegeplatz eine Wende fahren um dann gegen den Wind an den Steg zu fahren. Als wir gewendet hatten zog Christian blitzschnell die Genua rein und startete den Motor im Leerlauf. Der Wind bremste uns genug aus, dass wir mit kontrollierter Restfahrt an den Steg kam und Christian konnte die Spring festmachen. Erst als kurz danach alle Leinen fest waren verriet ich ihm, dass ich den Motor während des ganzen Manövers nicht eingekuppelt hatte. Wir waren unser erstes Anlegemanöver unter Segeln gefahren und ehrlich gesagt bin ich da ziemlich stolz drauf!

Nach einem Spaziergang zu Volvo Penta stellten wir fest, dass die Niederlassung doch allen Ernstes vor ein paar Tagen dicht gemacht hat! Unfassbar, aber das erklärte auch warum niemand als Telefon gegangen war. Auch ein anderer Motorendienst konnte uns nicht helfen. Die Dame war zwar wahnsinnig nett als Christian ihr in beeindruckend gutem Holländisch unser Problem schilderte, aber von den drei Mechanikern in ihrer Werkstatt war einer krank und einer im Urlaub. Der Dritte war völlig ausgelastet. Zudem erklärte auch sie uns was wir eigentlich schon wussten: so eine Reparatur ist wahnsinnig aufwändig und man weiß vorher nie welchen Schaden man genau findet. Es könnte also sehr lange dauern und wenn es ganz dumm läuft müsste sogar der Motorblock herausgehoben werden, wofür man wahrscheinlich vorher das ganze Boot aus dem Wasser holen muss.

Wir haben uns jetzt dazu entschieden von Tag zu Tag zu schauen was wir machen können. Das Gefühl der Niederlage falls wir Hamburg nicht mehr erreichen ist nicht mehr ganz so nagend, aber wir wollen trotzdem alles tun was möglich ist um unsere Reise wie geplant zuende zu bringen. Morgen könnten wir noch mal die Möglichkeit haben doch noch nach Breskens zu kommen. Es ist etwas mehr Wind vorhergesagt als für heute und die Distanz beträgt jetzt nur noch 35 Meilen und wir könnten auch noch in Zeebrügge halt machen falls das nötig wäre. Beide Häfen wären mit minimalem Motoreinsatz gut anlaufbar. Ob wir weiterfahren werden wir aber wahrscheinlich erst heute Abend oder morgen früh entscheiden.

In Breskens könnten wir noch mal nach einem Mechaniker schauen, auch wenn wir dann wahrscheinlich davon ausgehen können, dass Hamburg als Ziel nicht mehr drin ist. Alternativ ist Breskens ein schöner Ort um auf eine Winddrehung zu warten. Heute gab es in den Vorhersagen zum ersten Mal seit Wochen eine kleine Aussicht auf Westwind (auch wenn die noch absoluter Kaffeesatz ist). Wir würden also solange die Zeit genießen und ein bisschen Urlaub in Holland machen. Auch wenn es nach allem was wir in den letzten 11 Monaten erlebt haben unglaublich erscheint, aber wir können gerade ganz dringend mal Urlaub gebrauchen…. Falls der Westwind gegen Mitte Juli noch kommen sollte würden wir versuchen möglichst weit in Richtung Hamburg zu kommen. Ijmuiden und Den Helder sind nicht nicht weit weg und für die Strecke nach Cuxhaven würden wir wahrscheinlich auch nur ein paar Tage brauchen, also besteht noch ein wenig Hoffnung. Bis dahin drückt uns fest die Daumen!

-Steffi

 

Nichts zu verzollen

06.07.2018

Nach einem arbeitsreichen Nachmittag in St. Peter-Port auf Guernsey gingen wir abends noch in einem netten kleinen Lokal direkt am Hafen was essen und fielen dann müde in unsere Koje. Am nächsten Morgen sollte ja schon früh der Wecker klingeln denn die Gezeiten kennen keine Gnade. Wie geplant ging es dann nach einer unerwartet schlaflosen Nacht morgens um 8 Uhr los. Wir waren auch bei weitem nicht die einzigen, die um diese Uhrzeit den Hafen verließen. Erstaunlich eigentlich, denn es war ja absolut kein Wind vorhergesagt, aber sicher müssen nicht nur wir hier einen Zeitplan einhalten. Zudem ist ein Tag ohne Wind eine ganz gute Gelegenheit durch das tückische Alderney Race, den Kanal zwischen Alderney und dem französischen Festland zu kommen, denn hier ist die Strömung besonders stark und wenn man Pech hat und hier Wind und Welle stehen, dann wird es eine wilde Fahrt.

Uns präsentierte sich das Alderney Race aber äußerst zahm und belohnte unser frühes Aufstehen mit fast 5 Knoten Strömung, die uns in Richtung Cherbourg katapultierten, brachte uns aber gleichzeitig eine dichte Nebelbank, die sich fast den ganzen Tag hielt obwohl keine Wolke zu sehen war und die Sonne ordentlich vom Himmel bretterte. Mit über 10 Knoten über Grund auf der Uhr rasten wir durch die stille See und wurden doch tatsächlich dabei von einer ganzen Armada an Segelbooten überholt, die kurz nach uns ebenfalls den Hafen von Guernsey verlassen hatten. Cherbourg lag schnell hinter uns und wie das eben immer so ist setzte unweigerlich auch irgendwann die Gegenströmung ein. Fährt man allerdings den Kanal hinauf folgt man quasi der Flutwelle und so ist die Gegenströmung nicht mehr allzu stark, zudem waren wir mittlerweile an einer der breitesten Stellen im Kanal und wurden deshalb nicht so stark ausgebremst wie befürchtet. Als dann sogar noch ein bisschen Wind einsetzte turnten wir beide schnell aufs Vorschiff, setzten unseren Genuabaum und das zweite Vorstag und ruck-zuck war unser altbewährtes 3er-Setup gehisst mit dem wir erstaunlich flott unterwegs waren.

Lange hielt der Spaß allerdings nicht an und als der Wind langsam schlafen ging und wir gegen den Strom nur noch mit knapp 2 Knoten dahindümpelten warfen wir den alten Motor wieder an und holten die Vorsegel für die Nacht ein.

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Still ruht die See

Da wir in den letzten Nächten auf See nicht allzu gut geschlafen hatten und es gar nicht so einfach ist sich um 21 Uhr, wenn es noch taghell draußen ist, in die Koje zu legen und auf Kommando einzuschlummern, verschoben wir unseren Wachwechsel um 2 Stunden nach hinten. So starteten wir heute entsprechend etwas später in den Tag und gerade als Christian zerzaust aus dem Bett gekrochen kam schälte sich aus dem Dunst ein großes graues Schiff, das schnell näher kam. Ein Blick aufs AIS verriet, dass das Gefährt inkognito unterwegs war, also vermuteten wir Militär oder Zoll. Wir bauten trotzdem unseren Frühstückstisch auf, denn es sah aus als führe der graue Kasten an uns vorbei. Als dann aber unsere Funke trötete war klar: die wollen zu uns! Und wir hatten richtig gelegen, es handelte sich um den französischen Zoll. Die Frage, ob man an Bord kommen dürfe verstanden wir als rhetorisch und kurze Zeit später kam ein oranges Beiboot mit 4 Herren in voller Fahrt längsseits an die Krassy während der graue Riese gemächlich neben uns herfuhr. Drei der Beamten kamen an Bord, der vierte vertrieb sich die Zeit damit mit dem Schlauchboot um die Krassy herum zu heizen und hatte sichtlich Spaß dabei.

Wir wurden freundlich begrüßt und schon ging es los mit der Befragung. Während zwei der Beamten unsere Daten notierten und Christian Fragen stellten folgte ich dem dritten nach unten in die Kabine, wo er ohne Umschweife damit begann das Bett zu zerwühlen, die Schränke zu öffnen und unter die Bodenbretter zu schauen. Wir haben nichts zu verbergen, denn wir beide sind wahrscheinlich viel zu große Angsthasen um irgendetwas illegales zu schmuggeln oder zu tun, aber es ist schon ein wenig befremdlich, wenn dort ein völlig Fremder mit einer Waffe am Gürtel so ungeniert in den privatesten Sachen herumwühlt… Es lief aber alles sehr freundlich ab und nachdem er noch einen Blick auf unsere Sicherheitsausrüstung, in die ordentlich geführten Logbücher und Seekarten, auf unser AIS-System und die Tasche mit den selbst gemachten Flaggen geworfen hatte schloss der Beamte die Durchsuchung mit einem Lob für die Krassy ab. Es gab nichts zu beanstanden! Unterdessen hatte Christian auch noch ganz nett mit den anderen beiden Herren geplaudert, die angenehm interessiert an unserer Reise waren und zum Abschluss durfte jeder von uns noch auf dem Protokoll unterschreiben. Dann gab es einen Durchschlag selbigen Protokolls für uns und einen Händedruck für die Herren vom Zoll und nach einer knappen Stunden bestiegen die Beamten wieder ihr Schlauchboot und brausten zurück zu dem immer noch geduldig wartenden Mutterschiff und wir konnten endlich frühstücken. Ein Abschiedfoto ließen wir uns aber nicht nehmen.

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Die Krassy mit Geleitschutz
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Die Jungs vom Zoll verlassen uns wieder (gut gelaunt)

Vor uns liegen nun noch ein paar weitere Meilen entlang des vielbefahrenen Verkehrstrennungsgebiets im Dover Strait bevor wir, je nachdem wie schnell wir weiterhin voran kommen Calais oder Dünkirchen später am Abend erreichen. Unser AIS ist auf dieser verkehrsreichen Route ein wahrer Segen, vor allem bei Nacht und Nebel.  Das ein oder andere Mal kam mir schon der Gedanke, dass ein aktiver AIS-Sender eigentlich Pflicht für alle Schiffe sein sollte! Man kann jederzeit genau erkennen ob einem ein anderes Schiff zu nahe kommt und ob man ausweichen muss oder nicht. Leider schält sich aber gelegentlich auch der eine oder andere Segler oder lokale Fischer ohne AIS aus dem Dunst, also bleibt einem der regelmäßige Rundumblick nicht erspart. Bis kurz vor der Reise haben übrigens auch wir nur AIS-Signale empfangen und nicht aktiv gesendet, Christians Eltern wollten aber gerne unsere Reise verfolgen und schenkten uns einen aktiven Sender, den Christian zunächst etwas grummeld einbaute, denn der Umbau war ein bisschen aufwändig, aber es hat sich gelohnt. Der Knopf mit dem wir das Signal jederzeit ausschalten können, den Christian vorsichtshalber gleich mit installierte, ist bisher ungenutzt geblieben. Manchmal ist es etwas merkwürdig, wenn in der Heimat schon alle Bescheid wissen wo wir genau im Hafen liegen bevor wir richtig festgemacht haben, aber wir werden unterwegs von der Berufsschifffahrt als Segler erkannt und bisher gab es nur sehr sehr wenige Situationen in denen wir ein anderes Schiff anfunken oder selbst ausweichen mussten. Das macht die Fahrerei in verkehrsreichen Gebieten vor allem bei Nacht deutlich entspannter!

In den letzten paar Tagen haben wir eine Strecke zurückgelegt für die wir uns im vergangenen Jahr mehrere Wochen Zeit genommen haben. Leider sind wir diesmal fast die ganze Strecke von La Coruna bis Dünkirchen motort, aber wenn es irgendwie geht werden wir versuchen den restlichen Weg soweit wie möglich zu segeln, denn ab jetzt können wir es uns auch wieder erlauben in Tagesetappen gegen den Wind anzukreuzen.

Dass wir wieder in Landnähe sind merken wir im Moment hauptsächlich an einer Sache, und die nervt: Fliegen! Die Windstille, die warme Luft und die nächtliche Feuchtigkeit haben uns eine kleine Invasion verschiedenster Fliegenarten auf die Krassy geschickt. Das Schlimme daran ist aber eigentlich, dass die Mistviecher keinerlei Überlebensinstikt zu haben scheinen. Es kommt nicht selten vor, dass man sich irgendwo abstützen will und dabei eine der Fliegen mit der Hand zerquetscht. Beim Frühstück ist doch tatsächlich sogar eine auf Christians Brot verendet, als er sie versehentlich mit Butter bestrichen hat… Ganz schön ekelig!

Und eine alte Bekannte haben wir unterwegs noch getroffen. Kurz vor Brest kam uns ein riesiges rotes Segel am Horizont entgegen und noch bevor unser AIS es bestätigen konnte hatten wir sie erkannt: die Mapfre, das spanische Gewinnerboot des diesjährigen Volvo Ocean Race. Offenbar war sie auf dem Weg zurück in die Heimat in den spanischen Rias wo wir sie vergangenes Jahr beim Training beobachten konnten. Dongfeng, das andere Boot, das damals ebenfalls dort trainierte hat übrigens im Rennen den zweiten Platz belegt. Ganz schön cool, so ein Schiff dann nach dem Race wiederzusehen, auch wenn das diesjährige Volvo Ocean Race mit 2 Todesfällen nicht unbedingt glücklich ausgegangen ist…

-Steffi

Kein Wind oder Gegenwind – das ist hier die Frage!

04.07.2018

Normalerweise wären wir in La Coruna bei dem vorhergesagten Wind bzw keinem Wind nicht losgefahren. Wir hätten abgewartet bis zumindest genügend Wind in Sicht gewesen wäre um einen möglichst großen Teil der vor uns liegenden Strecken segeln zu können. Aber ganz normal sind die Umstände gerade eben nicht und so mussten wir los obwohl uns auf der Biskaya eine ausgedehnte Flaute bevorstand, denn wir müssen langsam zusehen, dass wir Richtung Heimat kommen. Wie abzusehen war lief auf fast der gesamten Strecke seit La Coruna unser alter Motor und nur ganz gelegentlich mal bekamen wir ein bisschen Wind und konnten segeln. Die Biskaya präsentierte sich uns ansonsten spiegelglatt und manchmal kräuselte sich über Stunden nicht mal die Wasseroberfläche. So ist es zwar seegangstechnisch angenehm ruhig, aber wir sind Segler und keine Motorbootfahrer und das ewige Dröhnen und Rumpeln geht einem irgendwann gehörig auf den Geist.

Wir versuchten uns trotz allem möglichst gut die Zeit zu vertreiben und so schaffte es Christian, der auf der gesamten Reise bisher nur ein einziges dünnes Büchlein gelesen hatte, doch tatsächlich Tolstoi’s Krieg und Frieden fast in einem Rutsch durchzulesen! Beeindruckend, denn an dem langweiligen Wälzer bin selbst ich Leseratte vor Jahren schon gescheitert…

Ein Vorteil der still ruhenden See ist es, dass man ewig weit sehen kann und so bekamen wir jede Menge Delphine und Wale zu sehen. Schon auf dem Hinweg vor knapp einem Jahr war uns aufgefallen, dass es in der Biskaya eine ganze Menge Delphine gibt, aber diesmal schienen es sogar noch mehr zu sein. In der Ferne sahen wir immer mal wieder den Blas größerer Wale wie eine Fontäne aus dem Wasser schießen, gelegentlich tauchten die träge dahingleitenden Grindwale irgendwo auf und immer wieder kamen wunderschöne Delphine mit einer weiß-grauen Zeichnung und freundlichen Gesichtern, die uns begleiteten.

Kurz vor Brest wurden wir dann aus unserer Trägheit gerissen und mussten improvisieren. Es gab draußen einen kurzes „Dong“ und wir sahen, dass der Zahnriemen unseres treuen Autopiloten gerissen war. Verdammt! Wir hatten schon befürchtet, dass das irgendwann passieren könnte, aber auch noch keinen Ersatzzahnriemen gefunden, denn wir vorsorglich hätten an Bord legen können. Unser Autopilot ist eine kleine Diva. Das Ding ist schon ein paar Tage älter und wurde irgendwann mal von einem der Voreigner der Krassy eingebaut. Kurz vor Start unserer Reise hat er dann allerdings den Geist aufgegeben und nur dank des unermüdlichen Einsatzes von Christians Kollegen Hajo (Danke nochmal!) erstand der Autopilot wieder zum Leben. Auf dem Hinweg zickte er allerdings trotzdem immer wieder rum und als wir uns damals in Brest auf unsere erste große Seeetappe über die Biskaya vorbereiteten überlegten wir ernsthaft einen neuen Autopilot zu kaufen. Der ist einfach zu wichtig! Das hatte er wohl gehört, denn seit dem haben wir nicht ein einziges Mal auf der ganzen Reise Probleme mit dem Autopiloten gehabt, und er war wahrlich viel im Einsatz!

Den kaputten Zahnriemen mussten wir reparieren oder eine Alternativlösung herzaubern. Mit Takelgarn nähte ich also die beiden Enden vorsichtig wieder zusammen, umwickelte alles fest mit dem stabilen Faden und dann kam noch eine Schicht Kautschukband drum und siehe da, es funktioniert! Zusätzlich häkelte ich noch aus einer dünnen Leine ein grobes Bändchen, das Christian zusätzlich ebenfalls mit Kautschukband umwickelte und auch das können wir im Notfall als Ersatz-Zahnriemen einsetzen.

Als wir auf der Höhe von Brest ankamen entschieden wir noch mal einen Tag dranzuhängen und anstatt nach Brest reinzufahren umrundeten wir das Kap und steuerten die Kanalinsel Guernsey an. Wir haben beide wenig Lust auf Frankreich und auf Guernsey könnten wir nicht nur günstig tanken, sondern haben auch einen besseren Absprunghafen zu verschiedenen Orten im englischen Kanal. Die Nachtfahrten sind allerdings echt anstrengend geworden, denn wir sind jetzt wieder in der Zivilisation und müssen zumindest alle 20 Minuten einen Rundumblick machen und unser AIS gut im Auge behalten um keine Fischer oder anderen Boote über den Haufen zu fahren. So ist ans Powernapping während der Wachen nicht zu denken und auch die arktischen Temperaturen machen die Nächte nicht gerade gemütlicher…

Ab jetzt heißt es wieder Gezeitensegeln, denn schon auf dem Weg um Brest herum erwischte uns eine fiese Gegenströmung, die fast 3 Knoten erreichte und uns ein paar Stunden ordentlich ausbremste. Das Gute ist aber, dass auf die Gezeiten Verlass ist und die Strömung irgendwann kippt und einen wie zur Entschädigung ordentlich voranschiebt.

Jetzt sind wir in St. Peter-Port auf Guernsey, wo wir vor knapp einem Jahr schon einmal gelegen haben. Diesmal wird es aber nur ein kurzer Aufenthalt, denn morgen geht es für uns schon wieder weiter. Unglaublicherweise hält sich im englischen Kanal noch immer der verdammte Ostwind und auch wenn der Deutschland aktuell schönes Wetter beschert wünschen wir uns gerade nichts sehnlicher als eine Winddrehung. Zu Beginn der Reise haben wir übrigens tatsächlich noch Witze gemacht, dass wir wahrscheinlich auf dem Rückweg eine hartnäckige Ostwindlage in Europa bekommen, allein schon, weil das so wahnsinnig unwahrscheinlich ist. Naja, und jetzt müssen wir uns tatsächlich gegen den Wind den Kanal hinaufquälen. Für die nächsten beiden Tage ist aber noch mal Flaute vorhergesagt und auch wenn uns das gewaltig stinkt werden wir diese nutzen und so weit es geht in Richtung Holland motoren. Der Motor hat dafür gerade noch mal einen Ölwechsel und ein paar Streicheleinheiten bekommen, aber bisher schlägt er sich tapfer. Tatsächlich sind wir in den letzten 3 Wochen mehr unter Motor gefahren als auf unserer gesamten bisherigen Reise… Ganz so hatten wir uns den Rückweg nicht vorgestellt – oder vielleicht will uns das Universum auch einfach nur sagen wir sollen wieder umkehren und wieder in die Karibik fahren?!

-Steffi

Wetter-Roulette

30.06.2018

Es ist mal wieder an der Zeit Abschied zu nehmen von La Coruna, das uns vor 10 Monaten schon sehr gut gefallen hat, und uns auch jetzt wieder mit seinem Zauber betört. Die letzten Tage machten wir entspannt, schliefen aus und aßen exzellent.

Aber wir gammelten nicht nur rum. Es stand mal wieder allgemeine Krassy-Pflege auf dem Programm, die durch das tagelange Am-Wind-Segeln ordentlich Wasser geschluckt hatte. Das Badezimmer, der Teppich und die Bodenbretter waren so salzgesättigt, dass sie gar nicht mehr trocknen wollten. Im Gegenteil: Abends, wenn es kühler und feuchter wurde, zog das Salz Wasser an, so dass sich an den Wänden tatsächlich Wassertropfen bildeten, als hätte es gerade geregnet. Da half nur eins: Spülen mit reichlich Süßwasser und trocken legen. So wurden sämtliche betroffenen Bodenbretter ausgebaut, gereinigt und dann in die Sonne gestellt, der nasse Teppich wurde in Süßwasser gewaschen und an der Reling zum Trocknen aufgehängt, usw.

Dann musste die Krassy an Deck noch entsalzt und gereinigt werden, wir mussten dringend Wäsche waschen und ich hatte noch einen kleinen Tauchgang gewonnen. Ältere Rassys haben das Problem, dass das Ruderlager mit den Jahren etwas ausschlägt und daher das Ruderblatt Spiel bekommt. Das macht sich durch dumpfes Rumpeln bemerkbar, vor allem, wenn die Wellen von achtern kommen. Im Laufe der Reise wurden aus dem dumpfen Rumpeln immer härtere Schläge, die echt beängstigend sein können. Also stand eine Inspektion am Ruder an: Wie viel Spiel hat es nun, und sieht man irgendwelche offensichtlichen Schäden? So ging ich, zur Unterhaltung des halben Hafens baden, laut fluchend über die arktischen Wassertemperaturen, und sah mir die ganze Angelegenheit an: Keine sichtbaren Schäden oder Schleifspuren, und das Spiel ist, soweit man das im Wasser abschätzen kann, nicht viel größer geworden als damals in Mindelo, wo ich das letzte Mal nachgeschaut habe. Ein nachfolgendes Telefonat mit Hallberg-Rassy gab Entwarnung: Fahrt erstmal nach Hause, und geht die Baustelle in Ruhe im Winter an. Erst ab einem Zentimeter Spiel sollte man was machen, und so schlimm ist das momentan noch nicht.

Gestern Abend wartete die Krassy mit einer unangenehmen Überraschung auf: Die Beleuchtung im Bad und im vorderem Durchgang brachte nur ein schwaches, funzeliges Licht zustande. Mist! Was ist denn das jetzt? Zum Glück funktionierte sonst alles normal, die Batterien sind ok. Ein kurzes Studium des Leitungsplans und die eine oder andere herausgedrehte Sicherung ergaben, dass alle drei Lampen an einer gemeinsamen Zuleitung hängen. Die scheint irgendwo beschädigt zu sein. Nur wo verläuft die Leitung? Zwei Stunden lang nahmen wir Deckenverkleidungen ab und räumten Schränke leer, bis wir das richtige Kabel identifiziert haben und nachverfolgen konnten. Und tatsächlich: Wenn man an der Stelle, an der das Kabel durch das Hauptschott zum Vorschiff geführt wurde am Kabel zieht, fing das Licht an zu flackern. Da ist was faul. Auf Verdacht schnitten wir dort einen halben Meter Original-Kabel raus und setzten ein neues Kabelstück ein, und alles funktioniert wieder. Eine schöne Lösung ist das freilich nicht. Im Winter (oder irgendwann) tauschen wir mal das ganze Kabel aus. Das ist dann allerdings ein größeres Projekt.

Und wenn wir nicht gerade an der Krassy gebaut haben, tingelten wir durch die Stadt, bummelten etwas durch die Geschäfte, besuchten die eine oder andere Tapas-Bar. Vorgestern machten wir einen Ausflug ins Einkaufszentrum am Stadtrand, und zum Abend durfte ich in der „Pulperia“ meinen wahrscheinlich letzten Pulpo dieser Reise genießen.

Jetzt schauen wir wieder nach vorne. Die Wetterprognose für die nächsten Tage hat etwas von Roulette. Das eine Modell (GFS) sieht ganz vielversprechend aus, dass wir wohl einen guten Teil der Distanz segeln können, das andere Modell (ECMWF) verspricht sehr viele Motorstunden, und ein drittes Modell (ICON) liegt irgendwo dazwischen. Immerhin sind sich alle drei Modelle darin einig, dass wir es wohl eher mit zu wenig Wind zu tun haben als mit zu viel Wind. Aber die Wetterlage an sich scheint schwierig vorhersagbar zu sein. Lassen wir uns überraschen. Jedenfalls müssen wir mit dem einen oder anderen Schauer, der einen oder anderen Nebelbank und vielleicht auch mal mit einem Gewitter rechnen. Zur Vorbereitung haben wir bereits wieder auf das große Vorsegel gewechselt, dann wird der Dieseltank gefüllt, und dann – naja – zur Not motoren wir halt über die Biskaya. Wohin die Reise geht, steht noch nicht fest. Mindestens bis Brest, vielleicht aber auch ein Stückchen weiter. Das hängt von unserer Laune, dem Wetter und dem Füllstand unseres Dieseltanks ab.

-Christian

Knapp daneben ist auch vorbei…

26.06.2018

Nach 12 Tagen auf See haben wir nun endlich europäisches Festland erreicht, wenn auch leider schlappe 450 Seemeilen von dem Ort entfernt an dem wir eigentlich ankommen wollten… Aber wir sind trotzdem froh nun im Hafen von La Coruna zu liegen, denn die Überfahrt von den Azoren kann man nicht gerade als Highlight bezeichnen. Es war alles dabei, von schönem Vorwind-Segel über anstrengendes Am-Wind-Gebolze bis hin zur totalen Flaute in der der Motor lief. Zwar hatten wir nicht das Gefühl uns in eine gefährliche Lage gebracht zu haben und wahrscheinlich wäre es auch überhaupt kein Problem gewesen noch 8 weitere Tage gegen den Wind zu kreuzen, denn so lange hätte es gedauert um zumindest Brest zu erreichen, aber wir hatten einfach keine Lust mehr und wollten nur ankommen. Das Segeln selbst ist gar nicht unbedingt das Problem, vielmehr ist es das Bordleben, denn in der Schräglage ist alles furchtbar anstrengend. Man muss sich permanent irgendwo festkrallen, bewegt sich praktisch in Zeitlupe, nachts rollt man entweder gegen die Bordwand oder fällt in das Leesegel und durch das permanent überkommende Wasser kann man die Luken nachts nicht öffnen. Zudem ist über den Mastfuß mal wieder literweise Wasser ins Bad getropft und der Salonteppich ist völlig durchnässt, sodass man entweder barfuß oder mit Schuhen durchs Boot laufen muss wenn man keine nassen Socken riskieren will.

Aber genug geklagt, es war natürlich nicht alles schlecht, wir sind vielleicht einfach ein bisschen verwöhnt weil bei uns bisher alles exakt so funktioniert hat wie wir es geplant hatten. Jetzt sind wir wieder in La Coruna und um ehrlich zu sein gibt es schlimmere Orte um sich von der Überfahrt zu erholen. Die verflixte Ostwindlage hält sich erstaunlich lange und wird auch noch ein paar weitere Tage andauern, sodass wir jetzt ein wenig ausruhen und diese wundervolle Stadt genießen können. Wir werden bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit zusehen, dass wir über die Biskaya und so weit wie möglich in den Englischen Kanal hinein kommen und so lange müssen wir eben das Wetter beobachten. Uns wäre es natürlich auch lieber gewesen uns diesen Umweg zu ersparen, aber so ist es nun mal beim Segel: man muss das Wetter nehmen wie es kommt und das Beste daraus machen. Ich bin wie man vielleicht merkt die meiste Zeit über ein unverbesserlicher Optimist…

Jetzt muss ich aber noch mal ein lobendes Wort zu unserer Krassy loswerden, denn dieses alte Schätzchen hat uns auch diesmal wieder bei allen verschiedenen Bedingungen die auf dieser Überfahrt herrschten ein sicheres Gefühl gegeben. Als echte Boots-Hypochonder lauschen wir auf jedes Knarren und Knarzen und besonders nachts während der Wache kann man sich da ordentlich verrückt machen, aber unsere schwedische Lady ist ein echt robustes Schiffchen!

In La Coruna liegen wir übrigens tatsächlich wieder in der gleichen Box wie vor 10 Monaten. Und unser Plan für die nächsten Tage? Ausschlafen, Tapas essen, die Stadt genießen und dann sehen wir wie es weitergeht…

-Steffi